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Bucher, Hans-Jürgen (1997): Zeitungsentwicklung und Leserinteressen. Neue Formen der Informations- und Wissensvermittlung in den Printmedien. In: Der Deutschunterricht, 1997, Heft 3, S. 66–78. Onlinepublikation: www.medien-
wissenschaft.de/
aufsaetze/zeitungs-
entwicklung-und-
leserinteressen.html (Abruf: Datum).

Zeitungsentwicklung und Leserinteressen

Neue Formen der Informations- und Wissensvermittlung in den Printmedien

Jugend und Tageszeitung - ein schwieriges Verhältnis

Man "kann die Jugend nicht dringend genug ermahnen, das Zeitungslesen möglichst spät und die Journallektüre jedenfalls erst dann zu beginnen, wenn sie jeden Rest von Halbbildung überwunden hat". Für diesen Pressekritiker aus dem Jahre 1891 sind die Zeitungen seiner Zeit "das schlimmste Hinderniß für den Erwerb ächter Bildung" (Deutsche Schriften für Literatur und Kunst 1891, H.3 20). Eine solche Warnung vor jugendgefährdenden Einflüssen der Printmedien ist rund hundert Jahre später überflüssig geworden: Man braucht Jugendliche nicht mehr mit pädagogischem Zwang von der Zeitungslektüre abzuhalten, sie verzichten freiwillig darauf. Für die Zeitungsverlage ist die Zielgruppe der unter 30jährigen sosehr zur Problemgruppe geworden, daß im Jahrbuch des Bundesverbandes der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) von 1996 bereits eine "strukturelle Unverträglichkeit zwischen Jugend und Tageszeitung" diagnostiziert wird (Bauer 1996, 211). Nur 43 Prozent der unter 20jährigen lesen noch Tageszeitung, während es in derselben Altersgruppe 1974 noch 61 Prozent waren. Die durchschnittliche Nutzungszeit der Tageszeitung hat sich bei den unter 20jährigen in den letzten zehn Jahren von 25 Minuten auf 13 Minuten fast halbiert, das Stöbern in den Anzeigenseiten, die Nutzung der Veranstaltungshinweise und die Sichtung der Werbeanzeigen eingeschlossen. (Kiefer 1996b,594; Vgl. auch Noelle-Neumann/Schulz 1993, 14) Dagegen schauen sie durchschnittlich rund 50 Minuten länger fern, als ihre Altersgenossen im Jahre 1974. 36 Prozent der unter 29jährigen sind der Meinung , daß Fernsehen, Radio und Anzeigenblätter zur Information ausreichen, nicht einmal die Hälfte teilt die Auffassung, daß man regelmäßig eine Tageszeitung lesen sollte (BDZV-Jahrbuch 1996, 217). Konsequenterweise haben dementsprechend bereits im Jahre 1990 rund zwei Drittel dieser Altersgruppe ihre politischen Informationen ausschließlich aus dem Hörfunk bezogen.

Die Zeitungsflucht der jugendlichen Leser liegt zwar im Vergleich mit anderen Altersgruppen im Trend, allerdings sind sie die Trendsetter: Ihre Zeitungsverweigerung, ihr Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Printmedien, und ihre Abstinenz vom politischen Informationsangebot ist deutlich stärker ausgeprägt als in den anderen Altersgruppen (Vgl. Noelle-Neumann/ Schulz 1993, 24-30; Kiefer 1996a). Kiefer kommt in der Auswertung einer Langzeitstudie, die Mediennutzung der Bundesbürger seit 1964 erfaßt, zu dem Ergebnis, daß es vor allem bei den formal besser gebildeten Jugendlichen "ein nachlassendes Interesse an Medienangeboten (gibt), die eher kognitive als emotionale Gratifikationen anbieten" (Kiefer 1996b 596).

Die Faktoren, die in verschiedenen Studien zur Erklärung dieses Trends herangezogen werden, sind vielfältiger Art: Schulbildung, Geschlecht, Elternhaus, Lesesozialisation, Politikinteresse und -engagement, Freizeitverhalten, die Nutzung der Parallelmedien Hörfunk und Fernsehen. Auch wenn man deshalb nicht generalisierend von den jugendlichen Zeitungslesern sprechen kann, so gibt es doch einige Befunde, die sich wie rote Fäden durch die verschiedenen Untersuchungen ziehen. Folgt man ihnen, so werden Umrisse eines spezifischen Nutzungsprofils jugendlicher Zeitungsleser erkennbar.

  1. Jugendliche haben andere Themenansprüche an Zeitungen und Zeitschriften als sie von den Machern vorgesetzt bekommen. "Weil nichts Interessantes drinsteht" war bei einer Befragung Remscheider Jugendlicher die häufigste Begründung für ihren Verzicht auf die Lektüre der ortsansässigen Regionalzeitung. (Vgl. Rager u.a. 1994, 133). Eine bundesweite Studie des BDZV hat ergeben, daß die Themenpräferenzen der Jugendlichen und der verantwortlichen Zeitungsmacher nahezu komplementär aneinander vorbei zielen. Politik, Wirtschaft, Sport, Forschung und Technik, die in Zeitungsredaktionen eine hohe Priorität besitzen, rangieren bei Jugendlichen weit hinter den Themenbereichen Freizeit, Veranstaltungshinweise, andere Länder, Musik, Umweltschutz und Reisen. (Noelle-Neumann/Schulz 1993, 74-79).
  2. Darstellungs- und Aufmachungsformen der Tageszeitungen entsprechen nicht den ästhetischen Ansprüchen jugendlicher Mediennutzer. Deren mediale Wahrnehmungsgewohnheiten sind durch Fernsehen und Computer stärker visuell als textuell ausgeprägt (Vgl. IFM 1996, 111; Hoffmann 1994). Hinzu kommt, daß das knappe Zeitbudget jugendlicher Zeitungsleser für eine intensive lineare Lektüre gar nicht ausreicht. Der Hörfunk als Nebenbeimedium und das Fernsehen mit seinem Zapp-Angebot sind bedeutend besser auf selektive, vagabundierende und abgestuft konzentrierte Nutzung eingestellt. Auf der Ebene der Texte kritisieren jugendliche Zeitungsleser, daß diese oft schwer verständlich formuliert sind, zuviel an Wissen voraussetzen, und zu wenig Spaß und Unterhaltung bieten (Noelle-Neumann/Schulz 1993, 58-62).
  3. Jugendliche haben ein Defizit in der Nutzungskompetenz der Printmedien. "Ich dachte, da steht nur etwas über Remscheid drin, aber da stand ja auch noch, was sonst so in der Welt passiert", artikuliert einer der befragten Jugendlichen seine überraschende Erkenntnis über den "Remscheider Generalanzeiger". Auf geringe Vertrautheit mit der Tageszeitung deutet auch hin, daß in derselben Untersuchung auf die Frage nach der Lektüre "sonstiger Tageszeitungen" Printmedien angegeben wurden, die gar nicht in diese Gruppe gehören. Indirekt wird dieses Kompetenzdefizit durch die Erfolge bestätigt, die bei dem bundesweiten Projekt "Tageszeitung in der Schule" erzielt wurden, das seit 1979 vom BDZV begleitet wird. Rund 71 Prozent der Befragten 14 bis 29jährigen gaben im Herbst 1993 an, daß im Schulunterricht kaum oder praktisch nie Zeitungsartikel gelesen oder besprochen wurden. Von denjenigen, die an dem Projekt "Tageszeitung in der Schule" teilnahmen, lasen später 75 Prozent täglich oder fast täglich eine Tageszeitung - bei der Vergleichsgruppe waren es 36 Prozent. Sie abonnierte nach Auszug aus dem Elternhaus doppelt so häufig eine Tageszeitung, wie diejenigen, die mit dem Projekt nicht in Berührung kamen und entdeckten in der Tageszeitung einen höheren Nutzwert für sich.

Funktionswandel der Printmedien

Die genannten drei Problembereiche werfen nicht nur ein Licht auf die Mediennutzung der Jugendlichen, sondern sind auch Ausdruck einer publizistischen Problemlage der Printmedien insgesamt. Jugendliche sind in ihrer Zeitungsverweigerung eine Art Seismograph: Sie zeigen die strukturellen Veränderungen in der Medienlandschaft früher und schärfer an, als andere Nutzergruppe. So spiegelt sich in ihrer Mediennutzung nicht nur eine Relativierung des Informationsprinzips zugunsten eines Unterhaltungsprinzips sondern auch eine verändertes Verhältnis zwischen Print- und audiovisuellen Medien. Aus der bislang friedliche Koexistenz von Zeitung, Hörfunk und Fernsehen als Komplementärmedien ist ein kompetitiver Verdrängungswettbewerb um die Rezipienten und ihr Zeitbudget geworden. Dieser Funktionswandel betrifft aber nicht nur das intermediale Zusammenwirken von Presse, Hörfunk und Fernsehen. Kiefer vermutet darüber hinaus, daß die unterhaltungsorientierte Nutzung von Fernsehen und Hörfunk das Rezeptionsmuster gegenüber dem informationsorientierten Medium Tageszeitung generell beeinflußt und damit die Entpolitisierung des Publikums weiter vorantreibt (Kiefer 1996a, 247. Vgl. auch Denton/Kurtz 1993, 3-18).

Daß man sich nicht mit dem Status quo abfinden muß, sondern auch neue Lesergruppen erschließen kann, hat mit aller Deutlichkeit "Focus" vorgeführt, bei den Tageszeitungen die "Süddeutsche Zeitung" mit ihrem Jugendsupplement "jetzt" (vgl. Dahlem 1996, 13) oder auf regionaler Ebene der "Remscheider Generalanzeiger" mit seiner Jugendseite "X-Ray" (Vgl. lrd 9/1996). Seit dem Start im Frühjahr 1993 hat "Focus" seine Auflage inzwischen auf über 780 000 gesteigert und damit zum SPIEGEL mit einer Auflage von knapp über eiern Million fast aufgeschlossen. Der Erfolg von "Focus", vor allem bei jüngeren Lesergruppen, kommt nicht von ungefähr. Er beruht nicht nur auf einer gelungenen Imagekampagne, die "Focus" als Nachrichtenmagazins für die sogenannte "Info-Elite" auf dem Lesermarkt etablieren konnte, sondern auch auf einer neue Art der Informations- und Wissenspräsentation, die der Chefredakteur Helmut Markwort als "visuelle Erzählform" bezeichnet: die durchgängig vierfarbige Gestaltung, kürzere Texte, die Aufspaltung von Themenblöcken in mehrere Informationseinheiten, die Visualisierung von Sachverhalten mittels Informationsgrafiken, der verstärkte Einsatz von Bildern, die übersichtliche Strukturierung des Blattes. Pressekritiker warnen angesichts der neuen Buntheit vor einem Konfetti- oder Designer-Journalismus, bei dem zwar die Verpackung, nicht aber der Inhalt erneuert wurde. Eine "vierfarbige Rüsche an der Zeitungsseite" das sei "Focus", "gedrucktes Fernsehen", "Lego-Journalismus". Das Wochenblatt DIE ZEIT, kritisiert, der Inhalt von "Focus" zerfalle "in Puzzleteile, die nicht zueinander passen".

Auch wenn journalistischen Einwände gegen "Focus" berechtigt sind (vgl. Bucher 1996), so können sie nicht darüber hinweg täuschen, daß in den neuen Präsentationsformen eine Antwort auf die Krise der Printmedien liegen kann. In den USA beweist das seit 1982 die neugegründete Tageszeitung "USA Today": Vom Gespött der Zunft ist sie mit inzwischen über 2 Millionen verkauften Exemplaren zur auflagenstärksten überregionalen Tageszeitung der USA geworden. In der Bundesrepublik haben "Die Woche" und die inzwischen mit ihre vereinige "Wochenpost" diese neuen Präsentationsformen übernommen, aber auch einige der neu gestalteten Tageszeitungen. Die vorgestellten Daten zur Mediennutzung haben die Tageszeitungen aus einem fast 400jährigen Dornröschenschlaf wachgerüttelt. Systematisiert man die neuen Spielarten der Informations- und Wissensvermittlung, dann lassen sich folgende Grundtendenzen unterscheiden:

  1. Die Wissensvermittlung in den Printmedien entwickelt sich von der textorientierten Einkanaligkeit zur Mehrkanaligkeit aus Text, Bild und Grafik.
  2. Printmedien werden zunehmend nicht mehr für den Durchleser, sondern für den Anleser und den selektiven Leser gestaltet.
  3. Komplexe Formen der Berichterstattung - also lange Texte - werden durch modulare Cluster aus funktional verschiedenen Einheiten abgelöst.
  4. Die Berichterstattung in den Printmedien wandelt sich vom Informations- zum Bedeutungsjournalismus.
  5. Die Informationsfunktion der Printmedien wird ergänzt durch eine Unterhaltungs- und eine Servicefunktion.

Medienpädagogik - Gebrauchsanleitung für die Zeitung

Diese fünf Innovationstendenzen umfassen nicht nur die Optik einer Zeitung, also ihr Layout, sondern auch die Textgestaltung und die Themenwahl. Um diesen integrativen Charakter der neuen Trends zu verdeutlichen, werden sie unter das Stichwort Textdesign subsumiert (Vgl. Blum/Bucher 1994-96; Bucher 1996). Textdesign ist die Verbindung von Optik und Stilistik, Text- und Blattgestaltung. Unter Textdesign wird nicht Layout-Ornamentalik verstanden, sondern die konsequente Umsetzung der Formel des Bauhaus: "Form follows function". Den Lesern eröffnet die textdesignerische Zeitungsgestaltung zwar neue Nutzungs-Freiheiten, fordert ihm aber andererseits auch größere Nutzungskompetenz ab. Für eine intelligente Lektürestrategie muß er die Selektionshilfen gezielt einsetzen, die Informationsmodule integrieren, die Kohärenzen in der Blattkonzeption erkennen, sich mit perspektivischen Meinungsangeboten auseinandersetzen können.

Mit Ausnahme einiger weniger empirischer Fallstudien gibt es kaum Forschungsergebnisse darüber, wie visualisierte und modularisierte Informationsangebote rezipiert und verstanden werden, oder wie Leser Orientierungshilfen eines Printproduktes nutzen. Die verschiedenen neueren Nutzungsstudien (z.B. Noelle-Neumann/Schulz 1994; IFM 1996) legen den Schwerpunkt eher auf die Inhalte und Themen. Eine der wenigen Ausnahmen ist eine Studie aus dem Poynter-Institut, bei der die Rezeption von vier verschiedenen Präsentationsmodellen oder Clustertypen experimentell getestet wurde (Quelle: Stark). Dieselbe Geschichte eines Flugzeugabsturzes wurde einer Testgruppe von 400 Lesern als reine Textversion, als Version aus Text und Bild, als Version aus Text und Grafik und als Version aus Text, Bild und Grafik präsentiert. Das Ergebnis: Die schlechtesten Werte im Verständnis und der Behaltensleistung ergaben sich bei der reinen Textversion. Auch die emotionale Betroffenheit war hier am geringsten. Sie wurde erheblich erhöht durch die Verwendung eines Fotos, während die Grafik signifikant zum besseren Verständnis der berichteten Sachverhalte und Zusammenhänge beitrug. Fazit: Leser, die Information über alle drei Kanäle, Text, Foto und Grafik aufgenommen hatten, konnten die meisten Fragen beantworten, waren am genauesten in der Beantwortung und fühlten sich hochgradig emotional berührt. Eine andere Studie zeigt jedoch, daß dieser Induktions- oder Synergie-Effekt nicht automatisch gegeben ist (Vgl. Ward 1992): Es kommt entscheidend auf die Qualität der einzelnen Bausteine und ihre Integration an.

Die Schwierigkeit in der Nutzung einer Tageszeitung liegt u.a. darin begründet, daß sie dem Leser ein nicht-lineares Kommunikationsangebot macht: Versierte Zeitungslektüre heißt nicht, daß die Texte, Bilder und Grafiken entsprechend ihrer Plazierung Seite für Seite abgearbeitet werden. Vielmehr unterbreiten Zeitungen ihren Lesern ein komplexes, aber strukturiertes Angebot, aus dem sie nach ihren Interessen auswählen und so aus der Nicht-lienarität der Zeitung einen eigenen, linearen Lektürepfad konstruieren. Hörfunk- und Fernsehsendungen sind bereits linear konzipiert, ebenso wie Bücher, sofern es sich nicht um Nachschlagewerke handelt. Jugendliche Zeitungsleser können die Lektüre einer Tageszeitung deshalb nicht durch Transfer der Rezeptionskompetenz erlernen, die sie in den anderen Medien erworben haben. Sie können auch nicht die Lesekompetenz aus dem Literaturunterricht einfach auf die Zeitungslektüre übertragen. Modern gesprochen handelt es sich bei der Tageszeitung um einen Hypertext: eine geordnete Sammlung, vielfach vernetzter Einzeltexte. Die Handlungskompetenz im Umgang mit einer Zeitung umfaßt deshalb eine Makro- und eine Mikrokomponente: Die Mikrokompetenz bezieht sich auf den Einzelbeitrag und die Zusammenhängen zwischen seinen Teilen wie Überschrift, Vorspann, und Textabschnitte, die Makrokompetenz bezieht sich auf die Struktur des gesamten Blattes, auf die Seitenarchitektur und das Layout, auf die Resort-Konzepte und auf das Textdesign.

Die im zweiten Abschnitt eingeführten Grundtendenzen der aktuellen Medienentwicklung sind funktional verstehbar als Antworten der Printmedien auf heutige Lesererwartungen und Rezeptionsbedingungen. Eine Medienpädagogik, die Jugendliche als Zeitungsleser zurückgewinnen will, muß sie deshalb mit diesen Neuerungen vertraut machen. Sie werden in den folgenden Abschnitten näher ausgeführt. Die fünfte Tendenz zur Unterhaltungs- und Servicefunktion wird bei den übrigen mitbehandelt.

Tendenz 1: Von der Einkanaligkeit zur Mehrkanaligkeit

Daß regionale Tageszeitungen wie die "Stuttgarter Nachrichten", die "Leipziger Volkszeitung" oder sogar der "Schwarzwälder Bote" farbige Informationsgrafiken als Aufmacherbilder auf der Titelseite verwenden, wäre noch vor ein, zwei Jahren undenkbar gewesen. Und Tageszeitungen, die wie die "Frankfurter Allgemeine" auf der Titelseite ohne Bild auskommen, sind inzwischen die Ausnahme. Die Tageszeitung ist auf dem Wege, sich von einem reinen Textmedium zu einem Dreikanalmedium aus Text, Bild und Informationsgrafik zu wandeln, was in den Zeitschriften bereits einige Jahre früher eingesetzt hat. Neben den Textsorten etablieren sich in diesem Prozeß auch Foto und Grafik als eigenständige journalistische Darstellungsformen.

Aufgrund der Abhängigkeit vom Angebot der Fotoagenturen ist die Bebilderung in der überregionalen Presseberichterstattung auch heute noch relativ stereotyp. Im Lokalteil dagegen können sämtliche Typen der Bildverwendung frei genutzt werden: die dokumentarische (z.B. das Unfallbild), die veranschaulichende (das Portraitfoto eines Interviewten), die interpretative (das Bild, das eine Thema visualisiert), die symbolische (das metaphorische Bild, das einen Sachverhalt symbolisiert) oder die dekorative (das Bild als Blickfang und Mittel der optischen Gestaltung einer Zeitungsseite). Entscheidend für das Leserverständnis ist der Bildtext, der nach Ergebnissen der Leseforschung nicht nur zum Bildverständnis beiträgt, sondern auch die Kohärenzbrücke zum Textbeitrag bildet.

Die Informationsgrafiken, neben Text und Fotos der dritte Kanal zur Wissensvermittlung, lassen sich in drei große Gruppen einteilen: die numerischen Grafiken in Form von Balken-, Säulen, Torten- oder Kurvengrafiken veranschaulichen numerische Informationen und visualisieren gewissermaßen das Vergleichen von Zahlen für den Leser; die Topografiken können beispielsweise zeigen, wo eine Umleitung, ein neuer Radweg, eine Umgehungsstraße verläuft, wo Burundi liegt, oder wo auf dem Globus große Erbeben stattgefunden haben. Erklärgrafiken veranschaulichen Sachverhalts- und Ereigniszusammenhänge. Sie können beispielsweise zeigen, wie in Japan Hochhäuser erdbebensicher gemacht werden, wie sich ein Autounfall abgespielt hat, oder wie man sich mit dem Pest-Bazillus anstecken kann.

Da sich alle diese Handlungen auch mit Texten ausführen lassen, stellt sich die Frage, wo denn die Vorteile und spezifischen Leistungen einer informationsgraphischen Umsetzung liegen. Werden beispielsweise die Zahlen zu einem Wahlausgang wie Stimmenanteile und Sitzverteilung zum einen in einem Text und zum anderen in einer Grafik aufbereitet, dann enthalten beide Darstellungen dieselbe Information, sind also informationsäquivalent. Berichttext und Infografik sind aber nicht nutzungsäquivalent. (Vgl. Schnotz 1993). Als "logische Bilder" (Schnotz 1993, 95) komprimieren Grafiken Informationen, veranschaulichen Zusammenhänge oder Sachverhalte, visualisieren Relationen und Strukturen, die man aus einer Textversion herausinterpretieren muß, und eröffnen flexiblere Nutzungsmöglichkeiten (Ausführlicher vgl. Bucher 1996, 38-40).

Tendenz 2: Von der addititiven zur kompositionellen Zeitungsgestaltung

Printmedien werden zunehmend nicht mehr für den Durchleser, sondern für den Anleser und den selektiven Leser gestaltet. Vergleichbar in seiner Reichweite ist dieser Wandel mit dem des Hörfunks vom Einschalt- zum Nebenbeimedium. Ausdruck dieses Medienwandels sind die zunehmenden Orientierungshilfen, die dem Leser für seine Selektionsleistung angeboten werden. Deutlich wird dieser Wandel bei einem Vergleich mit den ersten Zeitungen aus dem 17. Jahrhundert: Ohne Überschriften, gedruckt als additive Textsammlungen, nur nach Korrespondenzorten gegliedert sind sie für eine lineare Lektüre konzipiert, analog zur Buchlektüre. Das Bild des geduldigen Zeitungslesers hat sich in der additiven Machart der Zeitungen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gehalten. Angesichts der abnehmenden Lesezeit und angesichts einer Selektion, bei der etwa ein Viertel der Zeitungsbeiträge angeschaut und davon die Hälfte halb gelesen wird (Poynter Institute 1991), ist es naheliegend, dem Leser durch Orientierungshilfen bei der Steuerung seiner Lektüre entgegenzukommen. Dadurch kann der Leser gewissermaßen in den Dialogbetrieb mit seiner Zeitung eintreten.

In den modernen Tageszeitungen kann man folgende Orientierungssystem für den Lektürepfad unterscheiden:

  1. Die Aufmacherseite wird als Schaufensterseite gestaltete, auf der möglichst viel aus der Nachrichtenkolletion im Blattinneren ausgestellt ist. (Vgl. als Beispiele die "tageszeitung", die "Woche", die "Voralberger Nachrichten")  
  2. Spezifische Präsentationsformen werden als inhaltliche und thematische Verweissysteme genutzt, analog zu den Inhaltsverzeichnisse in Büchern und Zeitschriften. Dazu gehören die Inhaltsleiste mit Anreißermeldungen, wie sei beispielsweise die "Welt" in der ganzen linken Spalte einsetzt, der Inhaltskasten am Seitenfuß der "Süddeutschen", die "Promotion-Boxen, wie sie die "Frankfurter Rundschau" die "tageszeitung" oder die "Woche" quer über die ganze Seite unterhalb des Titelkopfes plazieren. In verschiedenen Blickaufzeichungs-Studien hat sich immer wieder bestätigt, daß diese Inhaltskästen und -leisten in der Leseraufmerksamkeit fast so hohe Werte erzielen wie Bilder, die immer noch als die Einstiegstore in eine Zeitungsseite gelten (Poynter-Institute 1991, 28/9).  
  3. Die als Orientierungshilfe neu entstandene Textsorte "Anreißermeldung" erfüllt eine Mehrfachfunktion: sie sind gleichzeitig Kurznachrichten, die das zentrale Faktum melden, Inhalts- und Themenhinweise für die weiterführenden Artikel im Blattinneren, Werbetexte für diese Beiträge und Querverweis auf die Plazierung des angekündigten Beitrags. Je nachdem, welche der Funktionen betont werden soll, können diese Ankündigungstexte in unterschiedlicher sprachlicher Form umgesetzt: sein: als Behauptungssatz, mit dem ein Sachverhalt konstatiert wird ("Politik: Die Rentenkrise und der Streit um Norbert Blüm ramponieren das System Kohl. Seiten 2+5+6+10" DIE WOCHE, 7.2.1997), mit einer Frageformulierung ( "Tote kosten Geld: Mandela in Berlin - und ein Konzept gegen Morde: Jubeln da auch Investoren Südafrika zu?" tageszeitung, 24.5.1996) oder als illokutionäre Ankündigungssätze (Wahlkampf: Helmut Kohl startet in Dortmund in die Wahlschlacht. Der Ostberliner Schriftsteller Rolf Schneider rezensiert seine Rede. CDU-Wahlstratege Peter Radunski zerpflückt die Kampagne der CDU 5 + 6. (Woche 1.9.1994). Die textdesignerische Gestaltung der Promotion-Boxen in der "tageszeitung" löst die Mehrfachaufgabe dieser Orientierungshilfe in idealtypischer Weise: die serielle sprachliche Gestaltung ("Auf den Kopf - Aus dem Land - Auf die Knie") und die Aufmachungsform verbinden Information, Unterhaltung und Orientierung gleichermaßen (*Hier wäre ein Faksimile hilfreich*)  
  4. Die Lektüre-Navigation durch das Blatt wird gesteuert von Seitenköpfen, Farbleitsysteme die Resorteinteilung visualisieren, durch Icons und Logos, die Beitragsserien oder -sequenzen markieren. Die "Rheinpfalz" hat bei ihrem neuen Layout ein Textsortenleitsystem mittels Kennfarben eingeführt: Alle meinungsbetonten Texte wie Kommentare, Glossen, Leitartikel oder Interviews sind mit einer hellblauen Farbe unterlegt, Meldung und Kurzinformationen sind in Kästen mit einem unterlegten Beigeton zusammengefaßt  
  5. Die kompositionelle Machart heutiger Zeitungen spiegelt sich auch in einem Funktions- und Textsortenwandel der Überschrift und des Vorspanns. Traditionellerweise wurden diese Textteile ausschließlich in Relation zum entsprechenden Einzelbeitrag verstanden, die Überschrift als thematischer Einleitungsteil, der Vorspann als Zusammenfassung. Für den selektiven Leser sind sie aber Orientierungshilfen, gleichsam das Inhaltsverzeichnis der Seite. Bei der Neugestaltung der "Frankfurter Rundschau" ging der Zeitungsdesigner explizit von dieser Funktionsänderung vom Summary- zum Orientierungs-Lead aus: "Der Vorspann ist als letzte differenzierte Stufe der Aufmachung, also der Überschrift, zu werten, und nicht als erster, lediglich fettgedruckter Anfang des Textes", so der Zeitungsdesigner in einem Interview zum Relaunch des Blattes. (Frankfurter Rundschau, 24.12.1993). Die Orientierungsfunktion des Vorspanns kommt auch darin zum Ausdruck, daß er bei allen Neugestaltungen von Printprodukten auf etwa 10 Zeilen begrenzt ist und nur noch einspaltig laufen darf.

Tendenz 3: Vom Informations- zum Bedeutungsjournalismus

In Leserbefragungen von ganz unterschiedlichen Tageszeitungen und in ganz verschiedenen Regionen hat sich immer wieder übereinstimmend herausgestellt, daß die Leser mehr Meinung, mehr Pro- und Contra, mehr Stellungnahme, mehr Interpretation in ihren Blatt finden wollen. (Vgl. dazu Tomaschko 1996). Der Anspruch der Leser an eine Zeitung mit Meinung und Standpunkt deckt sich auch mit den Forderungen verschiedener Zeitungswissenschaftler nach einer Neubestimmung der Funktion der Presse im intermedialen Zusammenspiel. Angesichts der Informationsflut, die durch Fernsehen, Hörfunk und das Internet verbreitete wird, soll es Aufgabe der Presse sein, mit Orientierungs- und Einordnungshilfen dem Informationschaos vorzubeugen. Neil Postman fordert von ihr eine Komplementärleistung, derzufolge sie vom Informationsjournalismus zum Bedeutungsjournalismus übergehen sollen (Vortrag FIEJ-Kongress 1990 Kopenhagen: Die Zukunft der Zeitung). Das heißt für ihn: mehr Hintergrund, mehr Überblick, mehr Kommentar und Meinung, mehr Perspektive in der Presseberichterstattung (Vgl. auch: Merritt 1995, 113-122; Gans 1992, 169).

Auch deutsche Tages- und Wochenzeitungen, die sich mit einer Konzeptionsänderung neu im Medienmarkt positioniert haben, weisen einige Tendenzen auf, die einen Wandel vom Nachrichten- zum Bedeutungsjournalismus signalisieren:

  • Die traditionellen, fest plazierten Darstellungsformen für die redaktionelle Meinungsbeiträge wie der Tageskommentar oder der Leitartikel werden ergänzt durch flexibel plazierbare Kommentare und Kurzkommetare (z.B. in der "Rheinpfalz") sowie durch Glossen (die Querspalte in der "tageszeitung") und Gastkommentare und -kolumnen (z.B. in der "Woche").  
  • Es werden Präsentationsformen eingerichtet, mit denen der Meinungsstreit im Blatt selbst ausgetragen wird: Der wöchentliche Streitfall in der "Woche", in dem Stimmen und Positionen zu einer Frage der "Woche" präsentiert werden, jeweils mit Zustimmung, Ablehnung oder Neutralität gegenüber einer aufgestellten These markiert (z.B. "Weiche Pornographie, also gewaltfreier Sex zwischen Erwachsenen, sollte in verschlüsselter Form nach Mitternacht gezeigt werden dürfen"). die Pro-und-Contra-Gegenüberstellung zu einem bestimmten Thema, beispielsweise dem Thema Ladenschlußgesetz, oder die Sequenz Kommentar und Gegenkommentar, wie es beispielsweise die größte amerikanische Tageszeitung, "USA-today", täglich anbietet. Der Meinungsvielfalt dienen auch Rubriken wie "Nachgefragt", in denen Betroffene zu Wort kommen können oder Experteninterviews, mit denen ein eingeführtes Thema aus einer neuen Perspektive nachbehandelt wird. 
  • Es gibt vermehrt hintergrundorientierte Zusatzangebote und zwar sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene der Zeitungsgestaltung. So haben eine ganze Reihe von Tageszeitungen regelmäßig erscheinende Themenseiten institutionalisiert, auf denen aktuelle Themen in modularisierter Form, mit verschiedenen Darstellungsformen und unter verschiedener Perspektive aufbereitet werden. Auf der Mikroebene sind Darstellungsformen eingeführt worden, mit denen die Leser textdesginerisch gekennzeichnet Zusatzangebote zur aktuellen Berichterstattung erhalten. z.B. das "Stichwort zum Tage" oder Kästen mit Zusatzinformationen und Zusammenfassung der vorausgegangenen Berichterstattung.  
  • Es gibt zunehmend Textsorten, die den Standpunkt, die Perspektive des Berichterstatters ausdrückbar machen wie Feature und Reportage. Auch die sogenannte Magazingeschichte, mit ihrem Wechsel aus subjektiv-szenischen Textpassagen, Bericht- und Deutungsbestandteilen wird aus den Wochenmagazinen in die Tagespresse übertragen. Das in der Berichterstattung der elektronischen Medien dominierende Pyramidenformat für den Textaufbau wird aufgelockert und in ein Story-Format oder ein aufgebrochenes Berichtformat transformiert mit integrierten Reportage-Elementen und angefietschertem Texteinstieg. Der Berichterstatter wechselt dadurch zwischen auktorialem Erzähler und involviertem Erzähler hin und her.  
  • Stilistisch betrachtet hat sich das Texten subjektiv eingefärbt mit provokanteren, und zugespitzten Überschriften ("Premiere: Atommüll entgleist. Eisenbahnzug mit 180 Tonnen hochradioaktiver Brennelemente macht sich an der saarländischen Grenze selbständig" tageszeitung, 5.2.1997), variationsreicheren Formulierungen und perspektivischen Texteinstiegen.

Tendenz 4: Vom Langtext zum Cluster - modulare Formen der Berichterstattung

Eine grundlegende Neuerung der modernen Zeitungsberichterstattung ist die sogenannte modularisierte Informations- und Wissensvermittlung. Themenkomplexe werden nicht in einem einzigen langen Beitrag abgehandelt, sondern einzelne Themenaspekten werden in verschiedene journalistischen Darstellungsformen segmentiert. Anstelle komplexer, polifunktionaler Langtexte entsteht so ein Beitragscluster, in dem die verschiedenen Informationsleistungen auch auf verschiedene Darstellungsformen aus Text, Bild und Grafik verteilt sind, die sich in ihren publizistischen Funktionen gegenseitig ergänzen. Modulare Formen der Berichterstattung ersparen dem Leser eine Alles-oder-nichts-Entscheidung, wie sie ihm lange Texte abverlangen, und eröffnet die Möglichkeit, die Nutzungstiefe des Informationsangebotes stufenweise zu bestimmen. Aus einem Cluster verschiedener Imformationsangebote kann er sich sein Lektüre-Menü selbst zusammenstellen. Auf einer Sonderseite der "Rheinischen Post" wird das Thema "Verkehrsüberwachung mit versteckter Kamera ("Starenkästen") beispielsweise als Cluster aus folgenden Beitragselementen präsentiert (*siehe Beispiel 2*)

  • Überschrift und Vorspann für die gesamte Seite informieren den Leser über Thema, Themenrelevanz und Aufbau der Sonderseite (Integrierender Vorspann und Überschrift).
  • Der Hauptbeitrag liefert die Kerninformationen.
  • Eine Informationsgrafik zeigt, wo die Radarfallen im Stadtgebiet aufgestellt werden.
  • Eine zweite Informationsgrafik mit Beitext erklärt die technischen Details der Radarmessung.
  • Ein Zitatenbericht liefert die Einschätzung kommunaler Verkehrsüberwachung aus Sicht der Polizei.
  • Eine Tabelle zeigt die Folgen der jeweiligen Geschwindigkeitsmessungen für das Punktekonto in Flensburg.
  • Ein Kurzbericht schildert kuriose Reaktionen von geblitzten Autofahrern.
  • Zwei Kurzkommentare geben unterschiedliche Meinungen zu den Starenkästen wieder.

Für den Zeitungsleser wirft die modulare Berichterstattung ein Kohärenzproblem auf: Er muß rekonstruieren, wie die einzelnen Informationselemente zusammenhängen. Auf der Grundlage elementarer Ebenen der Kommunikationsorganisation, wie sie die Linguistik unterscheidet (Vgl. dazu Bucher 1997), kann man vier Modularisierungsstrategien unterscheiden:

die thematisch-inhaltliche Modularisierung:
So könnte ein Redaktionsgespräch anstatt in einem einzigen Text in mehreren Informationseinheiten wiedergegeben werden, die nach verschiedenen Gesprächsthemen unterteilt sind. Eine thematischen Segmentierungen kann auch als Textsynopse umgesetzt werden. Der entsprechende Beitrag besteht nicht mehr aus einem Fließtext, sondern aus verschiedenen Subtexten, die nach bestimmten thematischen Gesichtspunkten gegliedert und aufbereitet sind. In einem Beitrag aus den "Luzerner Neuesten Nachrichten" wird der übliche Vorbericht für das Spitzenspiel der Schweizer Fußball-Nationalliga in eine synoptische Gegenüberstellung der beiden Mannschaften nach den spielentscheidenden Faktoren aufgelöst. (Abbildung?)

Diese Form der textdesignerischen Informationsaufbereitung eröffnet dem Leser die Möglichkeit, selektiv eine eigene Beitragsstruktur aufzubauen, beispielsweise eine lineare, analog zu einem Fließtext, aber auch eine nicht-lineare, für die er die Vergleichsaspekte für die beiden Mannschaften, die erteilten Noten oder die erkennbaren Notendifferenzen als Selektionskriterien nutzt. Die synoptische Informationspräsentation hat unter Verständlichkeitsgesichtspunkten gegenüber einem linearen Text zwei Vorteile: Sie zeigt die Struktur des Informationsangebots im Überblick - hier in Form der gewählten Beurteilungsaspekte - und sie ermöglicht eine vergleichende Lektüre.

die funktionale Modularisierung
Grundlage dieser Form der Modularisierung sind die journalistischen Darstellungs- und Handlungsformen. Zu ihrer Beschreibung kann man auf alle Kategorien zurückgreifen, die in einer Theorie des sprachlichen Handelns entwickelt wurden. Also: Handlungsmuster, Untermuster, Handlungsalternative, Spezifizierungen, Sequenzmuster, oder Indem-Realtion.

die perspektivische Modularisierung
Ein Thema wird aus verschiedenen Blickwinkeln behandelt. So wird in der "Woche" beispielsweise das Thema Pflegefälle in der Familie ("Prügel für Omi", Woche 29.7.1993) vom selben Autor in zwei einander gegenübergestellten Texten einmal aus Sicht der Pfleger ("Helfer: erschöpft und schikaniert") und zum anderen aus der Sicht der Pflegebedürftigen ("Hilflose: abgemagert und geschunden") behandelt. Perspektivische Segmentierung wird auch dann praktiziert, wenn Kontrahenten im Blatt ihren Meinungsstreit austragen - wie beispielsweise in der festen Pro & Contra-Rubrik in Focus -, oder wenn Gastkommentare und Begleitinterviews zu Beiträgen über konträre Themen gestellt werden.

die prinzipiengeleitete Modularisierung
Wie strategische Prinzipien in Dialogen über Gesprächszüge entscheiden können, oder wie didaktische Prinzipien in den Textaufbau eingreifen können, so können auch journalistische Segmentierungsentscheidungen von allgemeineren Kommunikationsprinzipien geleitetet sein. Man kann eine Inverwiewpassage oder ein Zitat aus einem Text in einen Kasten auslagern, um die entsprechende Äußerung zu fokussieren, oder aus schreib- und leseökonomischen Gründen Zusatzinformationen - wie Vorgeschichte oder Personalangaben - in einem extra Beitrag aufbereiten.

Das Kommunikationsproblem, das sich bei der modularen Informationsaufbereitung auftun kann, ist die unmotivierte Themen-Segmentierung: Werden Zusammenhänge hergestellt, die irrelevant oder irreführend sind? Hier hat der im Zusammenhang mit der Debatte um Focus erhobene Einwand des Häppchen- oder Designer-Journalismus seine Grundlage.

Medienpädagogischer Ausblick

Eine Unterrichtsplanung zur Erarbeitung der neuen Tendenzen in der Printmediengestaltung könnte folgende Aufgabenstellungen zugrunde legen:

  • Vergleich zwischen modern gestalteten Printmedien wie "Woche", "Focus", "Vorarlberger Nachrichten", "Rheinpfalz", "Neue Westfälische" und der eigenen Lokalzeitung: Was ist verschieden? Was könnte man in die Lokalzeitung übernehmen, was nicht?
  • Analyse des Aufbaus eines Printmediums: Welche Navigations- und Orientierungshilfen werden dem Leser geboten? Wie kann man sie nutzen?
  • Wo macht ein Printmedium Angebote die unterhaltend oder witzig sind? (Beispielsweise Rubriken zum Schmunzeln, Glossen, witzige Bildtexte, attraktiv geschriebene Texte) Wo wird Serviceinformation mit Nutzwert für die Leser geboten?
  • Wo präsentiert eine Zeitung Meinungsbeiträge, andere Perspektiven und welche sind das?
  • Vergleich der Jugendseite, des Jugendsupplements, z.B. "jetzt" aus der "Süddeutschen Zeitung", mit der übrigen Zeitung in Bezug auf Themen, Aufmachung, Darstellungsformen. Was ist jugendspezifisch?
  • Selbständige Themenplanung: In welche Einheiten könnte man ein komplexes Thema zerlegen? Mit welchen Darstellungsformen aus Text, Bild und Grafik könnte man es aufbereiten?

Die Beschäftigung mit den neuen Formen der Wissens- und Informationsvermittlung in den gedruckten Printmedien ist eine gute Vorbereitung für den kompetenten Umgang mit den im Internet verbreiteten virtuellen Online-Zeitungen. Die nicht-lineare Konzeption der Tageszeitung und die modulare Präsentationsform findet sich dort als Hypertextstruktur, die mehrkanalige Informationsvermittlung mit Text, Bild und Grafik in der Multimedia-Konzeption. Wer gelernt hat, die Orientierungshilfen der gedruckten Zeitungen zu nutzen, hat gute Voraussetzungen, mit den Navigationssystemen aus Links, Buttons und Frames der elektronischen Zeitungen zurechtzukommen. Es reicht nicht mehr aus, die Bedeutung des Lesen als "Schlüsselqualifikation für die Informationsgesellschaft" (von der Lahr 1996) oder als "Basiskulturtechnik im Fernsehzeitalter (Hoffmann 1994) zu beschwören. Entscheidend ist die Rezeptionskompetenz im Umgang mit nicht-lineaen Medien der Informations- und Wissensvermittlung.

Literatur

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Quelle

Dieser Beitrag erschien in: Der Deutschunterricht, 1997, Heft 3, S. 66–78.

Über den Autor Hans-Jürgen Bucher

Hans-Jürgen Bucher ist Professor an der Universität Trier. Seine Schwerpunkte sind: Mediensprache und Medienkommunikation, Produktions- und Produktanalyse, Print- und Online-Journalismus, Medienrezeption, Theorien der Medienwissenschaft, Theorien des Journalismus, empirische Methoden der Medienforschung, Visualisierung und Verständlichkeit, Mediengeschichte, Medienkritik, Textdesign, Wissensvermittlung in hypermedialen, non-linearen Kommunikationsformen.

Weitere Informationen und eine Publikationsliste finden Sie auf seinem Forschungsprofil.