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Bucher, Hans-Jürgen: Die Zeitung als Hypertext. Verstehensprobleme und Gestaltungsprinzipien für Online-Zeitungen. In: Lobin, Henning (Hg.): Text im digitalen Medium: Linguistische Aspekte von Textdesign, Texttechnologie und Hypertext-Engineering. (9-32). Opladen: Westdt. Verlag. Onlinepublikation: www.medien-
wissenschaft.de/
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als-hypertext.html (Abruf: Datum).

Die Zeitung als Hypertext

Verstehensprobleme und Gestaltungsprinzipien für Online-Zeitungen

Vom Textdesign zum Hypertext

Mit dem Internet ist ein neues Medium in die Mediengeschichte eingetreten, das in ihr eine paradoxe Stellung einnimmt: es hat von allen etablierten Medien etwas und ist doch zugleich etwa anderes, jedenfalls mehr als nur die Summe der traditionellen Medien oder ein neuer Verbreitungskanal für bekannte Angebote. Wenn das älteste der Medien, die Zeitung, mit diesem neuen elektronischen Medium konvergiert, so bedeutet das dementsprechend eine tiefgreifende medienhistorische Transformation. Und dennoch gibt es gute Gründe für eine evolutionäre Sichtweise: Online-Zeitungen sind kein Quantensprung in der Zeitungsgeschichte, sondern die logische Fortsetzung eines Strukturwandels des Mediums Zeitung. In folgenden Beitrag soll dieser Medienwandel analysiert werden im Hinblick auf neue Gestaltungs- und Verstehensprobleme, die Online-Zeitungen gegenüber den gedruckten aufwerfen.

Die Neuartigkeit des Internets, auf deren Grundlage auch die Entwicklung der Online-Zeitungen zu sehen ist, läßt sich in folgenden Stichworten zusammenfassen:

  1. Das Neue Medium ist multimedial, d.h. es faßt schriftliche, auditive, visuell-dynamische, fotografische und grafische Dokumente zusammen, ist also Hörfunk, Fernsehen, Video, Zeitung, Bildband und Computeranimation in einem. "Die bisher als selbstverständlich geltenden Grenzziehungen zwischen Bild, Sprache und Schrift geraten auf tiefgreifende Weise in Bewegung" (Sandbothe 1997, 57).  
  2. Das Neue Medium ist interaktiv, nicht nur in dem Sinne, daß unbegrenzte Selektionsmöglichkeiten für den Nutzer bestehen, sondern auch hinsichtlich spezifischer interaktiver Kommunikationsformen, die sich entwickelt haben, wie E-Mail-Leserbriefe, Chatforen, Diskussionsgruppen und WWW-TED-Abstimmungen.  
  3. Das neue Medium ist virtuell und damit von den Raum-Zeit-Begrenzungen der gedruckten Zeitung befreit: Eine Online-Zeitung ist nicht an Andruckzeiten gebunden, sondern jederzeit verfügbar und aktualisierbar. Kommunikationsbegrenzungen durch festgelegte Seitenzahlen und Seitengröße entfallen, so daß Archivbestände, aktuelle Angebote und Hintergrundbeiträge zu einem Gesamtprodukt verbunden werden können. Mit der Virtualität sind zusätzlich die digitalen Möglichkeiten der gezielten Suche und Abfrage gegeben, wie sie auch für elektronische Datenbanken zur Verfügung stehen.  
  4. Das Neue Medium ist nicht-linear: Dieser Unterschied betrifft die Organisationsprinzipien der Internetkommunikation. Während bei den Medien Buch, Hörfunk und Fernsehen die Rezeptionsabfolge vorgegeben ist, kann sie im Falle der Online-Medien vom Nutzer selbst bestimmt werden. Im Gegensatz zur linearen Struktur der Medien Hörfunk, Fernsehen und zumindest den meisten Büchern, haben Online-Angebote hypertextuelle oder hypermediale Strukturen. Dementsprechend gibt es auf Seiten der Nutzer nicht ein - autorenbestimmtes - Sequenzmuster der Rezeption, sondern ganz unterschiedliche und zwar nutzerbestimmte. Man kann den Unterschied zwischen einem linearen und einem nicht-linearen Medium mit folgendem Bild verdeutlichen: die Nutzung linearer Medien wie Fernsehen oder Hörfunk ist wie das Fahren in einem Linienbus oder einem Intercity, bei dem Fahrplan, Ziel und Haltestellen fest vorgegeben sind. Die Nutzung von Onlineangeboten dagegen entspricht dem Auto- oder dem Radfahren, bei dem der Fahrer selbst über Route, Tempo, Ziel, Pausen und Haltepunkte entscheidet.

Delinearisierungstendenzen sind allerdings nicht ganz neu in der Mediengeschichte. In den Printmedien sind sie seit etwa 100 Jahren zu beobachten. Zwar unterscheiden sich die Zeitungen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in ihren Aufmachungs- und Textformen nur unwesentlich von den ältesten Wochenzeitungen des frühen 17. Jahrhunderts. Inzwischen sind allerdings aus den buchähnlichen Fließtexten von damals, noch ohne Beitragsgliederung und ohne Überschriften, komplexe, modular organisierte Informationsangebote geworden. Insofern haben auch die modernen gedruckten Zeitungen hypertextuelle Strukturen. Die Delinearisierung der Zeitung läßt sich an folgenden fünf Entwicklungstendenzen ihrer textlichen und visuellen Gestaltung festmachen (ausführlich dazu: Bucher 1996):

  1. Die Zeitung entwickelt sich im Verlaufe ihrer Geschichte von einem Medium für den Durchleser, zu einem Medium für den selektiven Leser. Diese Tendenz spiegelt sich in der Entwicklung von neuen Textsorten und Textbausteinen, die als Selektionshilfen fungieren und der Kohärenzsicherung dienen. Die bekanntesten dieser Mittel sind die Überschriften, Vorspann, ressort- und themenorientierte Seitenköpfe, Orientierungstexte wie Anreißermeldungen, Inhaltskästen, oder ganzseitige Inhaltsverzeichnisse für die Gesamtausgabe- wie sie neuerdings in Wochenzeitungen wie der ZEIT und der WOCHE zu finden sind.  
  2. Die Zeitung entwickelt sich von einem einkanaligen Textmedium zu einem dreikanaligen Medium aus Text, Foto und Grafik. Da jeder dieser drei Informationskanäle spezifische Kommunikationsleistungen übernehmen kann, ist ihre jeweilige Funktion in der modernen Printberichterstattung als komplementär zu sehen. Die Emanzipation der visuellen Formen gegenüber den Textbeiträgen zeigt sich deutlich in veränderten Konzepten der Berichterstattung wie sie beispielsweise in Focus und auch dem Spiegel praktiziert werden: Fotos und Informationsgrafiken werden nicht als schmückendes Beiwerk verwendet, sondern als tragende Elemente innerhalb eines bereits als "visuelles Erzählen" gekennzeichneten mehrmedialen Berichterstattungsstils. "Most printed newspapers and magazines qualify as forms of multimedia becouse they convey information through a blend of written words, photography and graphics, dispayed on a paper medium" (Fidler 1997, 26)  
  3. Komplexe Textformen der Berichterstattung werden durch modularisierte Formen ergänzt und auch abgelöst. Aus dem Langtext wird ein Cluster aus verschiedenen Informationseinheiten. Solche Cluster können unterschiedliche Komplexitätsgrade aufweisen: sie reichen von der Auslagerung funktional eigenständiger Bestandteile eines Beitrags wie Zitate, Zusammenfassungen, historische Rückblicke oder Serviceinformation, bis zur Gestaltung ganz- oder mehrseitiger Themenspecials.  
  4. Die Modularisierung führt zu Textformen, deren Strukturen durch grafische Mittel visualisiert werden. Solche Texte mit optischen Strukturierungshilfen kann man als visuelle Texte bezeichnen. Es lassen sich zwei große Gruppen unterscheiden: die synoptischen Texte, bei denen die lineare Textgestaltung durch eine nicht-lineare, tabellarische abgelöst wird. Texte dieser Art sind vergleichbar mit Datenbanken, da sie aus einzelnen Informationsfeldern bestehen, die man jeweils einem Datensatz und einem Feldtyp - den Spalten und Zeilen der Tabelle - zuordnen kann. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise die Aussagen verschiedener Politiker zu verschiedenen Themen so aufbereiten, daß der Leser eine selbstbestimmte, vergleichende Lektüre praktizieren kann: Was sagt Politiker A zu den Themen Arbeitslosigkeit, Altersversicherung, Euro oder: was sagen Politiker A, B, C zum Thema Arbeitslosigkeit (Beispiele solcher Synopsen sind dokumentiert in Bucher 1996; Blum/Bucher 1998).

    Die zweite Gruppe visueller Texte sind Übersichtstexte. Ihre Struktur ist optisch durch typografische und textdesignerische Mittel, wie Aufzählungs- und Gliederungszeichen oder durch Numerierung gekennzeichnet. Charakteristisch ist die serielle Verwendung dieser Mittel, so daß ein Leser die entsprechenden Gliederungsprinzipien erkennen kann: "Visual features take over the load of structuring and organizing the readers processing. In the visible text, the goal is to call readers’ attention visually on semantically grouped information, focussing the readers’ attention on discrete sections" (Bernhardt 1986, 73).

    Aufgrund dieser Entwicklungstendenzen haben sich in den Printmedien Strukturen herausgebildet, die man als hypertextuell bezeichnen kann. Zwar fehlt das Kriterium der Virtualität (Hammwöhner 1997, 30) aber alle anderen Hypertextkriterien sind vorhanden: die Mehrmedialität durch die Nutzung von Text, Bild und Grafik als Kommunikationsmittel, die Nichtlinerarität durch die verschiedenen Formen der Modularisierung und die Interaktivität aufgrund der extrem selektiven Nutzbarkeit einer Zeitung. Eine weitere Gemeinsamkeit mit Hypertexten wird deutlich, wenn man die historisch entstandenen Orientierungshilfen des Mediums Zeitung als operationales Zeichensystem auffaßt. Parallel zur Delinearisierung der Zeitung haben sich eine ganze Reihe zeitungsspezifischer Mittel ausgebildet wie Überschriften, Zwischentitel, Vorspann, Ressorteinteilungen, Textsortenkennzeichnungen, Farbleitsysteme, Blockumbruch, Linien und Spalten, typographische Auszeichnungen, Signets, Icons. Dieses Repertoire an Orientierungshilfen fungiert insofern als operationales Zeichensystem, als es den Leser in die Lage versetzt, seine Selektions- und Orientierungsaufgaben zu lösen, indem es ihm anzeigt, wie delinearisiert wurde. Aus der Sicht eines Lesers kann man in bezug auf nicht-lineare Medien dementsprechend zwei Erschließungs- oder Deutungsebenen unterscheiden: die inhaltliche Ebene, auf der das journalistische Wissen und Meinen verfügbar ist und die operationale Ebene, die das Navigieren im Wissens- und Informationsangebot ermöglicht. Die Analogie zu Hypertexten liegt auf der Hand. Dort wird in der selben Weise zwischen der Informationsbasis einerseits und dem Managementsystem andererseits unterschieden, mit dessen Hilfe die Informationsangebote erst nutzbar werden (vgl. Kuhlen 1991, 17 f.).

    Die Gestaltung modularer, mehrmedialer und hypertextueller Formen der Informations- und Wissensvermittlung wird als "Textdesign" bezeichnet (Bucher 1996, 1998). Der Ausdruck soll signalisieren, daß die Strukturveränderung der Zeitungskommunikation Form ("Design"), Inhalt und Funktion der Presseberichterstattung gleichermaßen tangiert, und damit die Ebene der Optik und der Stilistik, der Textstruktur und des Layouts, des Formulierens und des Visualisierens umfaßt. Dieselbe integrative Betrachtungsweise von Gestaltungaufgaben, die sich auch in der Bauhaus-Maxime "Form follows Function" wiederspiegelt, ist im Bereich der technischen Dokumentation entwickelt worden: Document design is the act of bringing together prose, graphics (including illustration and photography for purposes of instruction, information, or persuasion" (Shriver 1997, 10/11).

Online-spezifische Verstehensprobleme

Unter dem Aspekt des Verstehens sind gedruckte Zeitungen interessante Vergleichsobjekte für Online-Zeitungen. Aufgrund ihres modularen Charakters treten bei der Rezeption gedruckter Zeitungen bereits ähnliche Verstehensprobleme auf, wie bei den hypertextuellen Formen der elektronischen Zeitung. Der Einwand, daß Printmedien wie das Magazin Focus in Puzzleteile zerfallen, die nicht zueinander passen, spiegelt diese neuartige Form von Rezeptionsproblemen wider. Modulare Formen der Berichterstattung, bei denen ein Thema mit verschiedenen Textmodulen, mit Fotos und mit Grafiken präsentiert wird, schaffen für den Leser ein Kohärenzproblem, wie es bei linearen Texten nicht auftritt: Wie ist das Cluster strukturiert? Welche Hierachien bestehen? Wie hängen die Module untereinander zusammen? Was ist eine sinnvolle Lektüre Auswahl, ein logischer Lesepfad?. Die spezifische Ausprägung derartiger Verstehensprobleme in Online-Zeitungen lassen sich auf zwei Besonderheiten der elektronischen Kommunikation zurückführen.

  1. Im Gegensatz zu einem gedruckten Produkt oder einer Rundfunk-Sendung hat der Nutzer zu Beginn keinen Überblick über die Gesamtheit, die Grenzen des Produktes. Das als "lost in Hyperspace" beschriebene Phänomen hat hier einen seiner Ausgangspunkte.  
  2. Im Gegensatz zu einer gedruckten Zeitungsseite, die simultan und mit einer Ladezeit von nahezu null Sekunden ihr gesamtes Angebot präsentiert, hat das Interface Bildschirm den Nachteil, daß es aufgrund seiner Größe nur einen bestimmten Ausschnitt zuläßt und damit den Leser gewissermaßen "informationell kurzsichtig" macht.
     

Diese beiden Beschränkungen in der Online-Kommunikation führen zu einigen Verstehensproblemem, wie sie für Online-Zeitungen typisch sind:

1. Das Orientierungsproblem
Gedruckte Printmedien sind für die Leser in ihrer Gesamtheit überschaubar und mittels etablierter Ordnungskriterien wie Paginierung, Ressorteinteilung, Inhaltsverzeichnissen und Buchgliederung auch strukturierbar. Für elektronische Zeitungen kann eine solche holistische Sichtweise nicht ohne weiteres eingenommen werden, so daß sich für den Nutzer folgende Fragen stellen:

  • Wie ist der Hypertext bzw. die Website aufgebaut?
  • Welche Kommunikationseinheiten konstituieren den Hypertext?
  • Nach welchen Mikro- und Makrostrukuren sind sie angeordnet?

2. Das Einstiegsproblem
Trotz informationeller Kurzsichtigkeit sind auf der Homepage grundlegende Nutzungsentscheidungen zu treffen. Die Einstiegsseite ist damit als ein "Advance Organizer" für Online-Angebote aufzufassen.

3. Das Navigationsproblem
Trotz informationeller Kurzsichtigkeit muß der Hypertext-Nutzer ständig Navigationsentscheidungen treffen und dafür auch rekonstruieren können, an welcher Stelle des Hypertextes er sich befindet, was er bereits rezipiert hat und was noch nicht.

4. Das Sequenzierungs- oder Einordnungsproblem
Da jede Kommunikationseinheit des Hypertextes prinzipiell von unterschiedlichen Ausgangspunkten erreichbar ist, können die Rezipienten mit ganz unterschiedlichen Wissensvoraussetzungen und Nutzungserfahrungen ausgestattet sein. Jede Einheit muß deshalb in verschiedenen Kontexten als eigenständiger Kommunikationsbeitrag verstehbar sein. Darin spiegelt sich das grundlegende Prinzip der kontextuellen Offenheit von Kommunikationsbeiträgen.

Die vier Verstehensprobleme haben unterschiedliche Reichweite. Während sich das Orientierungs- und das Einstiegsproblem auf Makrostrukturen der Online-Zeitung beziehen, betreffen das Navigations- und das Sequenzierungsproblem vor allem deren Mikrostrukturen. Nutzungstests von Online-Medien haben allerdings gezeigt, daß aufgrund der Dynamik der Online-Rezeption sowohl die unterschiedlichen Verstehensprobleme als auch die Sichtweisen der Strukturierungsebenen miteinander gekoppelt sind (Bucher/Barth 1998). So zeichnen sich hypertextspezifische Orientierungsprobleme gerade dadurch aus, daß verschiedene Typen von Verstehensproblemen kumuliert werden: Wer eine Seite falsch einordnet, navigiert mit diesem Mißverständnis weiter und deutet die folgenden Seiten auf der Basis falscher Annahmen. Fehlt dann noch der Überblick über die Makrostruktur eines Hypertextes, so ist eine Korrektur der mikrostrukturellen Deutungen ebensowenig möglich, wie eine korrigierende Standortbestimmung.

Die vier Typen von Verstehensproblemen verweisen auf grundlegende Gestaltungsaufgaben von hypertextuellen oder hypermedialen Kommunikationsbeiträgen. Diese Aufgaben sind gewissermaßen der funktionale Kern einer "Rhetorik des Hypertextes" wie sie von Landow gefordert wird (Landow 1991). Der Ausdruck Rhetorik macht in diesem Zusammenhang insofern Sinn, als es auch bei WWW-Angeboten um die effektive, nutzerorientierte Gestaltung öffentlicher Kommunikation geht. Im Folgenden sollen einige Elemente einer solchen Hypertextrhetorik für Online-Zeitungen exemplarisch vorgestellt werden. Ausgangspunkt ist dabei die Frage, mit welchen online-spezifischen Mitteln diese Kommunikationsaufgaben gelöst werden können.

Elemente einer Hypertext-Rhetorik für Online-Zeitungen

Die Einstiegsseite: der "Advance Organizer"

Im Falle der gedruckten Zeitungen hat sich zwischen Blattmachern und Lesern ein gemeinsames Strukturwissen über den Aufbau von Titelseiten etabliert, wie es sich bei Online-Zeitungen noch nicht entwickeln konnte. Trotzdem müssen auch die Einstiegsseiten der elektronischen Zeitung als "advance organizer" Lektüreentscheidung und Vorstrukturierung der Hypertext-Nutzung ermöglichen. Bei der Gestaltung der Einstiegsseite eines Webangebotes kann man im Prinzip mit zwei unterschiedlichen Nutzertypen rechnen: Dem Sucher und dem Flanierer. Letzterer wird an attraktiven Inhalts- und Themenangeboten hängenbleiben, der Sucher dagegen braucht Strukturinformationen, auf deren Basis er eine Suchstrategie entwickeln kann. Web-Einstiegsseiten lassen sich danach unterscheiden, wie die beiden Nutzungsanforderungen gewichtet werden. Ein zweites Unterscheidungskriterium betrifft die Art der Seiten-Aufmachung. Für Online-Tageszeitungen haben sich folgende Grundtypen von Einstiegsseiten herausgebildet:

  1. Die Strukturvariante, die vollständig auf inhaltliche Informationen verzichtet, beschränkt sich auf eine geordnete Sammlung von Links zu den Ressorts und Abteilungen einer Zeitung. Sie ist allerdings nur noch bei wenigen Printmedien zu finden, beispielsweise bei der tageszeitung (Abbildung 1), der Berliner BZ, beim Reutlinger Generalanzeiger, der Bildzeitung oder bei Le Figaro.

    Andere Online-Zeitungen, wie die ZEIT, Germany Live oder die Hannoversche Allgemeine haben inzwischen die reine Strukturvariante durch andere Seitentypen ersetzt. In diesem Trend spiegelt sich eine Schwäche der Strukturvariante als internet-taugliche Aufmachungsform: zum einen bleibt eine www-spezifische Nutzergruppe, die Flanierer, unberücksichtigt. Zum anderen sind die Hierarchien solcher Online-Zeitungen steil und vielstufig, so daß mehrere Schritte erforderlich sind, um die Textebene zu erreichen. Der Vorteil der Strukturvariante liegt in der Darstellungsökonomie: sie ist übersichtlich, schnell rezipierbar und leicht auf eine Bildschirmseite einzupassen, so daß sich ein Scrollen erübrigt. Diese Vorteile werden aber durch eine ungünstigere Nutzungsökonomie erkauft: da Link-Kennzeichnungen in Form von Ressortbezeichnungen wie News, Markt, Internet, oder Wortschöpfungen wie Netz-Welt, Zeit-Salon, Movie-Base keine Rückschlüsse auf zu erwartende Angebote erlauben, sind mehrere Navigationsoperationen erforderlich, um zu einer Lektüre-Entscheidung zu kommen. Die Darstellungsökonomie der Strukturvariante ist eines der Argumente für ihre Verwendung als Einstiegsseite bei umfangreichen Online-Angeboten, wie sie zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zu organisieren haben, beispielsweise der WDR, der Bayerische Rundfunk oder das ZDF.
     

  2. Die Kombi-Form aus Struktur- und Inhaltsseite hat sich inzwischen zum Haupttyp der Einstiegsseiten-Aufmachung für Online-Zeitungen entwickelt. Die Vorzüge liegen auf der Hand: beide Nutzertypen werden gleichermaßen bedient, der Informationssucher mit Strukturinformation zur gezielten Navigation, der Flanierer mit interessanten Inhalts- und Themenhinweisen, an denen er hängen bleiben kann. Einzelne Typen dieser Kombi-Form lassen sich einerseits danach unterscheiden, wie Struktur- und Inhaltsinformation gewichtet werden, andererseits nach der Präsentationsform der Strukturinformation. So überwiegt bei der Chicago Tribune und der El Pais die Strukturinformation, da jeweils nur ein einziger Beitrag auf der Titelseite angekündigt wird. Für die Präsentation der Strukturinformation lassen sich zwei Formen unterscheiden: zum einen die Frame-Lösung, die web-spezifisch ist, und zum anderen die Reiter-Lösung in Karteikartenform, die an ein Ordnungssystem aus der Büroorganisation erinnert. Framelösungen wie in der New York Times (siehe Abbildung) sind häufiger als die Reiterlösung, die beispielsweise im neugestalteten Handelsblatt zu finden ist. Letztere ist allerdings unter webdesignerischen Gesichtspunkten die platzsparendere Form.

    Eine Weiterentwicklung in der Gruppe der Kombi-Formen stellen die dynamischen Frames dar, bei denen sich relativ zum Standort des Nutzers in der Site die Inhalte ändern. So werden bei der Welt, je nachdem, in welchem Ressort der Nutzer sich befindet, zusätzliche weitere Eintragungen im Navigationsframe sichtbar. Damit ist einerseits dafür gesorgt, daß der Frame nicht zu überladen wirkt, andererseits aber maximal informativ für relevante Nutzungsentscheidungen bleibt.
     

  3. Die Boulevard-Variante, praktizieren der Express (siehe Abbildung), Focus oder der englische Mirror, aber auch die neugestaltete ZEIT läßt sich diesem Typ zuordnen. Die Homepage dieser Blätter ist mit einer Vielzahl von Links gespickt, teilweise verteilt auf mehrere Frames, so daß sich die Architektur der virtuellen Zeitung nur mühsam erschließen läßt. Erschwerend kommt hinzu, daß die Links sehr unterschiedlich gestaltet sind: als Icons, Buttons, Stichwörter, Rubrikenkennzeichnungen oder Überschriften. Das Nebeneinander verschiedener Strukturprinzipien behindert bei dieser Gestaltungsstrategie ein zielgerichtetes Navigieren. Der Kölner Express (siehe Abbildung) bietet dem Leser auf seiner Einstiegsseite mindestens fünf verschiedene inhaltliche Orientierungssysteme an: einen Rahmen am linken Bildrand, einen farbunterlegter Kasten am rechten Bildrand, die Fußleiste mit Ressorts, Lokalausgabe und Navigationslinks, die der gedruckten Ausgabe nachempfundene Titelseite und die Anreißerzeilen am Seitenkopf. Für den Leser entstehen durch diese Form der Einstiegsseitengestaltung zwei Probleme: er sieht kein durchgehendes Strukturprinzip und keine Hierarchien. Und er kann den Pfad zu einem Zieltext nicht eindeutig planen. Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, was überhaupt ein Link ist, da ganz unterschiedliche Markierungsmittel verwendet werden. Der Express hat das Dschungelprinzip, das die Aufmachung von Boulevardzeitungen charakterisiert, auf sein Online-Angebot übertragen, auch wenn es im Hilfe-Menü heißt: Über die Express-Online Startseite gelangen sie am einfachsten durch unser komplettes Angebot. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt".

Der vierte Typ einer Einstiegsseite ist die navigierbare Listenvariante. Hier sind die Beiträge als sensitive Überschriften in einem durchlaufenden und damit scrollbaren Dokument aufgelistet, für deren Navigation bestimmte inhaltlich definierte Links angebracht sind, entweder in einer Reihe von Pull-Down-Menüs (Süddeutsche Zeitung, siehe Abbildung) oder einer Navigationskopfzeile (Trierischer Volksfreund) oder einem Frame, wie in den einzelnen Ressorts der Frankfurter Rundschau. Die Vorteile einer solchen Seitengestaltung liegen zum einen darin, daß die Liste der sensitiven Überschriften als Inhaltsverzeichnis der Tagesausgabe bzw. des Ressorts verwendbar ist, zum andern in der äußerst flachen Hierarchie des Hypertextes: ein Mausklick genügt, um von der Übersichtsseite zu jedem Beitrag des Angebotes zu gelangen. Aufgrund dieser Vorteile werden navigierbare Listen in manchen Online-Zeitungen, beispielsweise in der Welt, der Frankfurter Rundschau, oder der Presse", auch als Zusatz-Navigationsmittel zur Verfügung gestellt, gewissermaßen als Indizes der Angebote.

Die Aufgabe zur Gestaltung einer Einstiegsseite ist insofern komplex, als unterschiedliche und konfligiernde Kommunikationsprinzipien gleichzeitig zu berücksichtigen sind. So konfligiert das Prinzip der ökonomischen Gestaltung mit dem Prinzip des reichhaltigen Angebots, das Prinzip der Selektion mit dem Prinzip der Vollständigkeit, oder das Prinzip der optischen Auffälligkeit mit dem Prinzip der Übersichtlichkeit. Es liegt deshalb in der Entwicklungslogik des Mediums Online-Zeitung, daß zunehmend dynamische Formen der Präsentation auftauchen, wie Pull-down-Menüs, Fly-outs oder Ordner mit Öffnungsoption, um so auf dem begrenzten Bildschirm-Raum möglichst viele Informationshinweise in übersichtlicher Form zu präsentieren. Neben der Raumbegrenzung durch den Bildschirm ist bei der Gestaltung von Einstiegsseiten auch der begrenzten Zeitkapazität der Nutzer Rechnung zu tragen. Das gilt nicht nur im Hinblick auf die Übertragungszeiten für aufwendige optische Gestaltungsmittel, sondern auch im Hinblick auf die begrenzten Aufmerksamkeitsressourcen. So hat beispielsweise ein Test mit verschiedenen Typen von Einstiegsseiten deutlich gemacht, daß es schnell zur Überforderung der Nutzer kommt, wenn diese den Eindruck gewinnen, das Orientierungsangebot "durcharbeiten" zu müssen (Bucher/Barth 1998).

Navigationsmittel: Wegweiser für unterwegs

Lokale Navigationsprobleme: Rote Fäden in der Online-Zeitung

 

Bei genauerer Betrachtung ist das lokale Navigationsproblem komplexer als es die textlinguistische Frage nach der Kohärenz zwischen zwei Knoten eines Hypertextes nahelegt. Man kann die verschiedenen Problemaspekte analytisch entwickeln, wenn man von einem Beschreibungssatz für hypertextspezifische Verknüpfungen ausgeht. Der Beschreibungssatz könnte lauten:

Link L verknüpft A mit B im Hinblick auf C

Dieser Beschreibungsssatz zeigt, daß wir es im Falle der Verknüpfung mit einer vierwertigen Relation zu tun haben. Einen Link verstehen heißt deshalb, die Antworten auf die folgenden vier Fragen zu kennen:

  1. Welche Elemente einer Seite zählen überhaupt als Links?
  2. Welcher Aspekt des Ausgangsdokuments wird verknüpft?
  3. Welcher Aspekt des Zieldokuments wird verknüpft?
  4. Welche Art von Verknüpfung liegt vor?

Eine Klärung des Begriffs "Link" soll Tabelle 1 leisten. Sie zeigt, daß beim Verstehen eines Links vier Probleme auftreten können: das Identifikationsproblem, das Referenzproblem, das Fortsetzungsproblem, und das Typisierungsproblem. Die Darstellung macht auch deutlich, daß unterschiedliche Typologisierungen von Links möglich sind, je nachdem, ob man von der Linkdarstellung (sprachliche, ikonographische Links), der Absprungstelle (Überschriften- oder Textlinks), dem Zielpunkt (interne, externe, subtextuelle Links) oder der Verknüpfungsrelation (Themen-, Funktions-, Visualisierungslink) ausgeht.

 

Linkdarstellung

Absprungstelle

Zielpunkt

Verknüpfungs-

realisation

L verknüpft A mit B im Hinblick auf C

Verknüpfungs-

aspekt

Ausdruck

Phrase

Button (beschriftet/unbeschriftet)

Icon

Abbildung

Sitemap-Knoten

Thumbnail

...

Site

Page

Text

Textabschnitt

Abbildung

Abbildungsteil

Sitemap-Knoten

Glossareintrag

Suchergebnis

Hyperlinkliste

...

Site/Homepage

Page

Text

Textabschnitt

Abbildung

Abbildungsteile

Hyperlinkliste

Sitemap

Mailadresse

...

Thema

Inhalt

Funktion

Sequenzmuster

Perspektive

Kommunikations-

strategie

Visualisierung

...

Problemfrage

Welche Elemente der Seite zählen als Links?

Welcher Aspekt des Ausgangsdokuments wird verknüpft?

Welcher Aspekt des Zieldokuments wird verknüpft?

Welche Art von Verknüpfung liegt vor?

Problemtyp

Identifikationsproblem

Referenzproblem

Fortsetzungsproblem

Typisierungsproblem

Tab. 1: Zum Begriff der Verknüpfung ("Link"): Verknüpfungsaspekte, Problemfrage, Problemtyp

Betrachtet man die Einstiegsseite einer aufwendig gestalteten Online-Zeitung wie der Los Angeles Times (siehe Abbildung 5), so wird deutlich, wie vielfältig die Aufmachungsformen der Verknüpfungen in Online-Zeitungen sein können. Als Verweisanzeiger sind dort verwendet: Überschriften, markierte Ausdrücke im Fließtext, Fotos, Kennzeichnungen für Sitebereiche (Help, Content, Jobsource), Bezeichnungen für Ressorts in den Pulldown-Menus, Icons wie Pfeile, Symbole wie die Tickeruhr, Firmenlogos oder Aktionszeichen wie "Find", "Go", "Click here" und "Registration". Daß Landow eine "Rhetoric of departure" fordert (Landow 1992, 96-98), macht Sinn, weil die Identifikation, was als Link zählt, entscheidend von der Linkgestaltung und dem vorausgesetzten Symbolwissen abhängt. So hat eine Onlinestudie, bei der vergleichend die Rezeption von Hörfunk- und Printangeboten untersucht wurde, ergeben, daß vor allem ikonographische Links vergleichsweise schlecht identifiziert werden können (Bucher/Barth 1998). Mangelndes Wissen über den Sinn von Icons und Symbolen führt außerdem dazu, daß bevorzugt browsereigene Navigationsmittel genutzt werden. Generell gilt: sprachlich gekennzeichnete Links werden zuverlässiger genutzt als symbolische, vorausgesetzt die Kennzeichnung trifft die Funktion des Links. So dürfte nicht jedem Nutzer auf Anhieb klar sein, daß der Schriftzug "Los Angeles Times" auf jeder Seite als Homebutton fungiert oder das Uhrensymbol zu einem Newsticker führt. Entscheidend für die Link-Deutung ist es, daß der Nutzer aufgrund der Link-Gestaltung zutreffende Fortsetzungserwartungen entwickeln kann.

Ähnlich vielfältig wie die Linkgestaltung sind Ausgangs- und Zieldokumente, die über die Links miteinander verknüpft werden. Überschriften und sensitive Textausdrücke werden mit Beiträgen verbunden, die Titelseite über Rubrikenkennzeichnungen in einem Pulldown-Menü ("news") mit Themenübersichten von Ressorts, der Navigationsframe über die Kennzeichnung "Content" mit einer Inhaltstabelle, ein verkleinertes Foto ("thumbnail") wird mit einer Vergrößerung des Fotos und einem entsprechenden Bildtext verknüpft.

Für eine Klärung des Problems der Relation, also der Frage, welche Art von Zusammenhang durch den Link gestiftet wird, kann man von einer Systematik ausgehen, die sich auf grundlegende Organisationsprinzipien jeder Kommunikation stützt (vgl. dazu Bucher 1998, Fritz 1994). Kommunikative Zusammenhänge lassen sich generell unterscheiden in thematisch-inhaltliche Zusammenhänge, die auch als propositional bezeichnet werden, in funktionale, die man in Anlehnung an sprachliche Handlungstheorien auch als illokutionär bezeichnen kann, in strategische Zusammenhänge und in perspektivische Zusammenhänge. Bei der Verwendung sogenannter getypter Links kann auf diese Unterscheidungen zurückgegriffen werden. Sensitive Überschriften und Textausdrücke verweisen meistens auf thematisch-inhaltliche Verknüpfungen. Um illokutionäre Links zu markieren sind zusätzliche Symbole oder Linkbeschriftungen erforderlich, wie "Fortsetzung", "Mehr Informationen gibt es hier" oder die ganz ausführliche Variante, wie sie USA-Today bei vielen ikonopgraphischen Links verwendet: "Catch all the actions of independent baseball clubs".

Typisierungen von Links sind wirksame verständnissichernde Maßnahmen für die Lösung lokaler Navigationsprobleme. Auch Angaben zum Zieldokument können dem Nutzer wichtige Hinweise zum Verständnis der Verknüpfung liefern. So markiert die Los Angeles Times spezielle Links innerhalb von Themen-Specials mit Icons für den Typ des Zieldokuments (Text, Grafik oder Video) und versieht sie mit einer entsprechenden Kennzeichnung ("Graphic of Nairobi Bomb Attack"). In Geo-Online werden solche Linkbeschriftungen als Marginalien an den Textrand auf Höhe des sensitiven Ausdrucks gestellt . Das E-Zine Telepolis verwendet im laufenden Text Icons, die anzeigen, ob der Link extern oder intern ist und ob er zu einem Glossar oder einem Subtext führt. Eine relativ neue Strategie der Linkbeschriftung ist die Nutzung der Alternate-Tags, in denen sich alle Typen von Verknüpfungsangaben in Textform unterbringen lassen. Ein Beispiel dafür zeigt Abbildung 6: Die Funktion des Buttons wird im Tag-Text expliziert.

Globale Navgationsprobleme: Zur Transparenz von Makrostrukturen

Ein weiteres Orientierungsproblem in Online-Zeitungen ist mit der Frage verbunden, wie sich der Nutzer einen Gesamtüberblick über das Online-Angebot verschaffen kann, um so den Nutzungspfad zu planen. Wie kann man also das simulieren, was für Zeitungsleser selbstverständlich ist: sie kennen die erste und die letzte Seite, wissen wie die Ausgabe aufgebaut ist und an welchen Stellen welches Angebot zu finden ist, wie man mit Hilfe der Paginierung und der Ressort- und Bucheinteilung problemlos von einer Stelle der Ausgabe zur nächsten kommt oder wie man die Inhaltsorientierungen nutzt um gezielt aus dem Angebot auszuwählen.

Für dieses Problem der globalen Kohärenz einer Online-Zeitung lassen sich drei Typen von Navigationshilfen unterscheiden: der Index, die Inhaltstabelle und die Sitemap, eine Art Hypertext-Landkarte.

Indizes sind in Online-Zeitungen die am weitesten verbreiteten globalen Orientierungshilfen. Vielfach sind sie unter einem Link mit der Kennzeichnung "Von A bis Z" zu finden, oder unter einem Hinweis "Inhalt". Ein solcher Index gibt in der Regel einen Komplett-Überblick über die einzelnen Dokumente eines Online-Angebotes, vergleichbar einem Inhaltsverzeichnis für gedruckte Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher. So entspricht der Index der elektronischen Zeit im Wortlaut und in der Struktur exakt dem Inhaltsverzeichnis der gedruckten Ausgabe. Jedes einzelne Dokument kann aus dem elektronischen Index direkt aufgerufen werden, da die Eintragungen direkt mit dem Beitrag verlinkt sind. Zwar läßt sich die Navigierbarkeit solcher linearer Inhaltslisten durch eine entsprechende Strukturierung oder durch eine sensitive Alphabet-Leiste verbessern, für eine gezielte Suche ist sie allerdings wenig geeignet. Sie ist ein Angebot für den Flanierer, der sich einen Überblick verschaffen möchte, was es alles gibt.

Besser unterstützt wird die gezielte Suche durch Inhaltstabellen ("Table of Contents"). Sie weisen eine Struktur auf, die nicht mehr einem angebotsexternen Ordnungsprinzip entstammt, sondern einem hypertext-internen. Die Inhaltstabelle der Rhein-Zeitung (siehe Abbildung 7) zeigt neben der Liste bestimmter Angebotstypen ("Aktuelle Nachrichten") auch eine Grundstruktur des Gesamtangebotes. Die Eintragungen in die Inhaltstabelle referieren nicht auf Einzeldokumente, sondern repräsentieren Knoten im Hypertext. Diese Komprimierung hat eine größere Übersichtlichkeit zur Folge. Aufgrund der Haupt- und Unterrubriken, die im Falle der Rhein-Zeitung auch optisch abgesetzt sind, können Nutzer Aufbau und Hierarchien der Online-Zeitung erkennen. Der Nutzer sieht nicht nur, was es alles gibt, sondern auch, wie es angeordnet ist. Die Bezeichnungen der Hauptrubriken der Inhaltstafel entsprechen deshalb auch den Navigationsmitteln, die bereits auf der Einstiegsseite angeboten werden.

Wenn der Index einer alphabetischen Liste von Straßenamen entspricht, die Inhaltstabelle einer Gliederung der Straßen nach Stadtteilen, so ist die Sitemap mit dem entsprechenden Stadtplan vergleichbar. Sie zeigt dem Nutzer, wo er sich in einem Hypertext befindet, wohin er von seinem Standort aus navigieren kann und gibt ihm einen Überblick über das Gesamtgebiet. Da die Sitemap ein Navigationsinstrument ist, darf sie nicht mit der Abbildung der technischen Verknüpfungen eines Hypertextes gleichgesetzt werden. Sie visualisiert Hypertext-Strukturen, wie die Landkarte geographische Strukturen visualisert. Und wie Landkarten und Stadtpläne für ganz unterschiedliche Orientierungszwecke gestaltet sind, so können auch die Landkarten für die Hypertext-Strukturen ganz unterschiedlich ausfallen. Daß sie auf der Grundlage von Visualiserungskriterien wie Anschaulichkeit, Übersichtlichkeit, Plausibilität, gestaltet werden, wird besonders deutlich bei metaphorischen Visualisierungen, beispielsweise in Form eines Schaltplanes oder nach einem Planeten-Modell. Sitemaps sind in Online-Zeitungen noch seltene Ausnahmen: z.B. in der Schweizer Zeitschrift Facts, (siehe Abbildung 8) oder der Los Angeles Times. Im Folgenden werden deshalb für die Illustation auch Beispiele aus anderen Sites genutzt.

Die metaphorische Sitemap stammt aus dem Online-Angebot des US-amerikanischen Pharmakonzerns Merck (siehe Abbildung 9). Die Kernbereiche des Online-Angebotes sind als Planeten dargestellt, um die einzelne Dokumente als Monde kreisen. Eine andere Gruppe von Modellen nimmt Bezug auf Ordnungssysteme aus der Bürokommunikation, beispielsweise auf eine Art dreidimensionalen Zettelkasten. In Kombination mit der Vergrößerungsoption des Browsers kann auf der Website-Map von Dynamicdiagrams, einer Web-Designfirma, ein einzelnes Dokument punktgenau angesteuert werden (siehe Abbildung 10a, Abbildung 10b).

Der Vorteil metaphorischer Sitemaps liegt auf der Hand: Sie orientieren sich an Strukturwissen und Ordnungsmodellen, über die die Nutzer bereits verfügen. Dadurch werden gewissermaßen die abstrakten Hypertext-Strukturen in den Vorstellungshorizont der Adressaten übersetzt, so daß diese ihre bereits ausgebildeten "Mind-maps" für die Orientierung nutzen können. In einem vergleichenden Online-Rezeptionstest hat sich ergeben, daß Probanden ihnen unbekannte Online-Angebote von Tageszeitungen schneller erschließen können, als die Angebote von Rundfunk-Anstalten. Einer der Gründe ist darin zu sehen, daß ihr Strukturwissen über eine Tageszeitung bedeutend besser ausgebildet ist, als ihr Strukturwissen über eine Rundfunk-Anstalt bzw. ihr Rundfunkangebot, das die Nutzer normalerweise nur auf der Grundlage eines linearen Hörfunk- oder Fernsehprogrammes kennen.

Dem Einwand, daß statische Sitemaps der Dynamik von Hypertexten nicht gerecht werden, wird versucht durch entsprechend dynamische Mapping-Verfahren zu begegnen. Ihnen ist gemeinsam, daß sich die Darstellung der Hypertext-Struktur mit dem jeweiligen Standort der Betrachtung ändert. verändert. So wird bei den Fish-Eye-Views ein bestimmter Ausschnitt des Hypertextes focussiert, die übrigen Teile des Hypertextes rücken an die Peripherie. Eine Anwendung des Fish-Eye-View ist der sogenannte "hyperbolische Baum" mit dem beispielsweise das Webangebot des Louvre, der Library of Congress oder der NASA dargestellt werden (Beispiele unter: www.inxight.com/products/hw/). Wer sich in der Library of Congress für die Deutsche Abteilung interessiert, wird eine andere Fokussierung vornehmen (Abbildung 11a), als derjenige, der sich einen Gesamtüberblick verschaffen möchte (Abbildung11b). Der Vorteil des Hyperbolic Tree besteht darin, daß mit dieser Mapping-Technik auch sehr große Sites visualisiert werden können (Vgl. Gloor, 1997, 114). In dieser Hinsicht ist ein anderer Sitemap-Typ mit ihm vergleichbar, die sogenannte Fly-Thru-Technik, wie sie von der Los Angeles Times genutzt wird (Abbildung 12a, Abbildung 12b). Das Gesamtangebot ist als eine Art intergalaktische Wolke im Cyberspace dargestellt, in die der Nutzer hineinfliegt um so die einzelnen Bestandteile genauer erkennen zu können. Bestimmte Konstellationen von Hypertext-Knoten lassen sich durch Doppelklick auf den Zentralknoten (News, Archives, Entertainment, Communities) isolieren, vergrößern und als "gefrorenes" Bild fixieren. Wie beim Hyperbolic Tree eröffnet die Fly-Thru-Technik die Möglichkeit, einzelne Bereiche der Site in ihren Relationen zueinander zu erkennen. Man kann die Sitemap auch als direktes Navigationsmittel verwenden, indem man durch Doppelklick direkt das entsprechende Einzeldokument öffnet.

Navigations- und Orientierunshilfen wie die beschriebenen sind in Online Zeitung eher die Ausnahme als die Regel, sowohl was die Kompetenz der Macher als auch die der Nutzer angeht. Dafür gibt es gute Gründe, die in der Entwicklungsdynamik neuer Medien zu suchen sind. Glaubt man der 30-Jahr-Regel, die in der Mediengeschichte mehrfach für die Etablierung eines neuen Mediums verifiziert wurde, so werden auch Online-Angebote noch ihre Entwicklungszeit brauchen. Das gilt auch für die Entwicklung stabiler Nutzungskompetenzen. In einer solchen Entwicklungsphase eines Mediums ist es sinnvoll, durch reflexive Maßnahmen zur Erweiterung der Nutzungskompetenz beizutragen. Dazu gehören Erläuterungen der Struktur eines Angebotes, die Erklärung von Linksymbolen, die Beschreibung der Navigationsmöglichkeiten oder die Beschreibung der Nutzungsmöglichkeiten einer dynamischen Sitemap. Reflexive Angebote dieser Art sind allerdings selten. Sie kommen beispielsweise vor bei dem E-Zine Telepolis, im Falle spezieller Sitemapping-Strategien und bei Umstellungen eines bereits etablierten Web-Angebotes.

Angesichts der Möglichkeiten einer Hypertext- und Hypermedia-Zeitung stehen die derzeitigen elektronischen Angebote noch ganz am Anfang. Zugespitzt formuliert: Das neue Medium Hypertext wird zumeist als Textdatenbank für die gedruckte Zeitung verwendet - ohne den informationellen Mehrwert auszuschöpfen. Dementsprechend dominieren referentielle Verknüpfungen und hierarchische Strukturierungsmuster, wie sie aus der gedruckten Zeitung bekannt sind. Netzartige Verknüpfungen zwischen den site-internen Informationseinheiten, zum Archivangebot oder zu andern Dokumenten im WWW sind seltene Ausnahmen. Selbst die in den gedruckten Zeitungen zu findenden Clusterkonzepte aus Foto, Text und Grafik werden kaum in Hypertextstrukturen übertragen. Auch naheliegende Möglichkeiten, den Leser selbst zum Kommunikator zu machen, also die Nutzungsinteraktivität zu einer Aktionsinteraktivität zu transformieren, werden nur sehr eingeschränkt genutzt.

Formulieren und Visualisieren

Sitemaps, Linkgestaltung und Linkbeschriftungen, Frames als Navigationsmittel, Markierung von Seitentypen, Indizes und Inhaltstafeln sind elementare Bestandteile einer Online-Rhetorik. Sie umfaßt den Teil der Mediengestaltung, der über die Textgestaltung hinausreicht. Angesichts der beschriebenen Verstehensprobleme ist es allerdings nicht sinnvoll, an dieser Stelle eine etablierte Form der Arbeitsteilung oder des Separatismus aufrechtzuerhalten: die Aufteilung der Mediengestaltung in formorientierte, visuelle Design-Aufgaben und inhaltsorientierte Betextungsaufgaben. Mediengestaltung ist vielmehr eine Aufgabe, die das Formulieren und das Visualisieren integrieren muß. Nur wenn das Web-Design die Online-Zeitung bequem navigierbar macht, können die Inhaltsangebote überhaupt rezipiert werden. Andererseits sind Design-Aufgaben mehr als Verpackungsaufgaben: selbstexplikative Linksymbole, verständliche Linkbeschriftungen, plausibel strukturierte Sitemaps, visuelle Texte, mit optischer Strukturierung und auf Anforderungen der Internet-Kommunikation abgestimmt, lassen sich nicht mehr auf den Formaspekt der Kommunikation beschränken. Theoretisch verankert ist eine solche integrative Sichtweise bereits in den verschiedenen Zeichentheorien, die in der Sprache nur eines unter anderen Zeichensystemen sehen. So geht Karl Bühler von einem Kontinuum der Darstellungsarten aus, das "vom höchst denkbaren Grade der Bildhaftigkeit bis zur reinsten Symbolik geht".

Für die Analyse mehrmedialer Beiträge, die dieses Kontinuum ausnutzen und Optik und Text kombinieren, ist eine Erweiterung der bisherigen textwissenschaftlichen Sichtweise erforderlich. So sind beispielsweise die traditionellen, textlinguistischen Kriterien für die Qualität eines Beitrags zu ergänzen um Qualitätsprinzipien für die optische Präsentation. Auf der Grundlage der Gestalttheorie und der Wahrnehmungspsychologie sind einige solcher Prinzipien formuliert worden: das Prinzip der Kontinuität, das Prinzip der Nähe, das Prinzip der Ähnlichkeit, das Prinzip der Intensivierung, das Prinzip der Abgeschlossenheit (Vgl. Campbell 1995; Bernhardt 1986). Grundlegend ist dabei die Annahme, daß eine umfassende Theorie der Kohärenz sowohl sprachliche als auch nichtsprachliche Formen des Zusammenhangs umfassen soll. Der Begriff Textdesign ist auch in dieser Hinsicht als integrative Etikette gemeint: Prinzipien für das Verstehen medialer Kommunikation müssen nicht nur erklären, wie Beitragseinheiten zusammenhängen, sondern auch, wie diese Zusammenhänge mit Hilfe des Text- und Webdesigns zu finden sind.

Literatur

Bernhardt, Stephan, A 1986: Seeing the text. In: College Composition and Communication, 37 /1, 1986, 66-78
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Gloor, Peter 1997: Elements of Hypermedia Design. Techniques for Navigation and Visualisation in Cyberspace, Boston, Basel, Berlin.
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Quelle

Dieser Beitrag erschien in: Lobin, Henning (Hg.): Text im digitalen Medium: Linguistische Aspekte von Textdesign, Texttechnologie und Hypertext-Engineering. (9-32). Opladen: Westdt. Verlag.

Über den Autor Hans-Jürgen Bucher

Hans-Jürgen Bucher ist Professor an der Universität Trier. Seine Schwerpunkte sind: Mediensprache und Medienkommunikation, Produktions- und Produktanalyse, Print- und Online-Journalismus, Medienrezeption, Theorien der Medienwissenschaft, Theorien des Journalismus, empirische Methoden der Medienforschung, Visualisierung und Verständlichkeit, Mediengeschichte, Medienkritik, Textdesign, Wissensvermittlung in hypermedialen, non-linearen Kommunikationsformen.

Weitere Informationen und eine Publikationsliste finden Sie auf seinem Forschungsprofil.