Bitte zitieren Sie diesen Text als:

Bucher, Hans-Jürgen (1996): Textdesign - Zaubermittel der Verständlichkeit. Die Tageszeitung auf dem Weg zum interaktiven Medium. In: Hess-Lüttich/Holly/
Püschel (Hg.): Textstrukturen im Medienwandel, Frankfurt/M. Onlinepublikation: www.medien-
wissenschaft.de/
aufsaetze/text-
design.html (Abruf: Datum).

Textdesign - Zaubermittel der Verständlichkeit?

Die Tageszeitung auf dem Weg zum interaktiven Medium

Der alte und der neue Journalismus

Wer derzeit als Sprach- und Kommunikationswissenschaftler durch den deutschen Blätterwald streift, müßte eigentlich beeindruckt sein von dem dort herrschenden bunten Treiben. Nicht nur die Woche, die Wochenpost, Focus, und in seinem Sog auch der Spiegel, haben neue Elemente und Strategien der Informationspräsentation und der Wissensvermittlung entwickelt. Schon mit dem ersten Blick fällt auf: der verstärkter Einsatz von Bildern, in Farbe und in größerem Format, Informationsgraphiken, die Sachverhalte visualisieren, Farbleitsysteme, die das Blatt ordnen, Logos, farbunterlegte Kästen, neue und größere Schrifttypen sowie großzügigere Formen des Seitenlayouts. Sogar die Tageszeitungen haben sich - nach 40 Jahren Stagnation - diesem Trend nicht verschließen können. Der Chefredakteur von Focus, Helmut Markwort, spricht bereits von einer "neuen, visuellen Erzählform" als einer für die Computer-Generation angemessenen Präsentation. Daß er damit nicht ganz unrecht hat, belegen die Auflagenzahlen seines Blattes: Mit einer Auflage von inzwischen über 600 000 hat es die Erwartungen um mehr als das Doppelte übertroffen, und damit auch die Medienwissenschaftler verblüfft.

Von den Machern dieser neuen Printedien wird das ungewöhnliche Outfit mit veränderten Kommunikationszielen begründet. So soll Focus als Zielgruppe die sogenannte Info-Elite - etwa 3,5 Millionen sollen dazugehören - mit kürzeren Beiträgen versorgen als der Spiegel, ihnen einen schnelleren Zugriff auf die Informationen ermöglichen. Eine "vertiefende Orientierung" in der Nachrichtenflut von Tageszeitung, Horfunk und Fernsehen will die Woche ihren Lesern bieten, so deren Chefredakteur Manfred Bissinger. Für die Schnelleser sollen die Infographiken und Kästen da sein, für die gründlichen Leser die längeren Artikel und beide Gruppen werden durch ein farbiges Leseleitsystem durchs Blatt geführt. Der gezielten Zugriff auf die jeweils interessierende Information wird auch von einigen Tageszeitungen als neuer Gestaltungswert entdeckt. So wirbt die Welt auf ganzen Zeitungsseiten mit dem Slogan: "Keine Zeit für zuviel Worte" und präzisiert: "Weniger Beiwerk mehr Inhalt. Weil wir schneller wissen müssen was wirklich zählt. Weil weitschweifiges nicht nahe geht."

Pressekritiker warnen angesichts der neuen Buntheit vor einem Konfetti- oder Designer-Journalismus, bei dem zwar die Verpackung, nicht aber der Inhalt erneuert wurde. Eine "vierfarbige Rüsche an der Zeitungsseite" das sei Focus, "gedrucktes Fernsehen", "Lego-Journalismus". Die Buntheit sei nicht nur drucktechnisches sondern auch inhaltliches Prinzip. In der ZEIT, dem Oberstudienrat deutscher Wochenblätter, wie die Wochenpost spottete, nahm man anfangs die neuen Paradiesvögel nicht ganz ernst: "Der Inhalt des Heftes", schreibt ein Kritiker, "zerfällt in Puzzleteile, die nicht zueinander passen".

Mit der Spiegelkrise im Dezember 1994 ist diese Debatte zu einer Konfrontation von zwei journalistischen Grundpositionen stilisiert worden: Der alte oder der investigative Journalismus, der sich als vierte Gewalt definiert und exemplarisch in der alten Spiegelredaktion angesiedelt sein soll, prallt auf einen neuen Journalismus, der sich Leserfreundlichkeit, Infotainment und Leserservice auf die Fahnen geschrieben hat (Vgl. dazu "Der Journalist" 2/1995; Spiegel Spezial 1/1995: Die Journalisten). Vertreter des alten Journalismus sehen derzeit für die Pritnmedien eine änliche Verflachungswelle heranrollen, wie sie Hörfunk und Fernsehen bereits überrollt habe. "Fast food for slow readers" befürchtet der ZEIT-Herausgeber Theo Sommer und warnt den sogenannten "seriösen Journalismus" davor, angesichts des Auflagen-Erfolgs von Focus auch dessen "Anspruchslosigkeit des gedruckten Fernsehens" zu übernehmen. "Eine Kulturhavarie wäre die Folge - eine Havarie auch unserer politischen Kulur" (ZEIT 51/16.12.1994). Der Spiegel-Reporter Cordt Schnibben, einer der Wortführer des alten Journalismus, sieht in Focus "nicht mehr als ein rezeptfreies Beruhigungsmittel" (Schnibben 1994, 32). Angesichts der neuesten Entwicklungen auf den Markt der Printmedien befürchtet er, "daß der Journalismus dabei ist, vollends zur Unterabteilung der Unterhaltungsindustrie abzuschmieren", daß Nachrichten nicht mehr dazu da sind, den "Untertan zum Staatsbürger" zu machen sondern nur noch den "Konsumtrottel zum Konsumbürger".

 

Textdesign - eine integrative Betrachtungsweise

Einwände und Bedenken, wie sie Vertreter des investigativen Journalismus gegen neue Darstellungs- und Präsentationsformen vorbringen, sind symptomatisch für die gesamte Diskussion um die Neugestaltung von Informationsmedien. Es geht im Prinzip immer um die Frage nach dem Verhältnis von Form, Inhalt und Funktion, der Verzahnung von Layout, Textgestaltung und Kommunikationszielen. Befürchtet wird, daß die Betonung des Zeitungsdesigns den Lesern Designer-Zeitungen beschert, wie sie bereits mit Designer-Uhren und Designer-Möbeln bedient sind. Die Diskussion zwischen altem und neuem Journalismus ist aber auch ein Indiz dafür, daß sich die journalistischen Handlungsmöglichkeiten - nicht zuletzt aufgrund der kompletten Veränderung der Produktionsbedingungen durch die EDV-gestützte Blattgestaltung - enorm erweitert haben. Für die neuen Spielarten der Berichterstattung gibt es aber noch keine verbindlichen Prinzipien und Qualitätskriterien, wie sie beispielsweise für die traditionellen Darstellungsformen und Textsorten formuliert wurden (Vgl. Bucher 1986). Offen ist, wie sie den journalistischen Handlungsspielraum erweitern, was sie leisten und wo ihre Grenzen liegen. Die derzeit geführte Debatte zwischen altem und investigativem Journalismus einerseits und dem neuen, abfällig Light- oder McJournalismus genannten, trägt zur Klärung dieser Fragen wenig bei. Sie vernebelt eher, daß mit der Etablierung neuer Darstellungsformen und Layoutideen noch nicht über die Frage nach investigativem oder affirmativem Journalismus entschieden ist.

Der Begriff Textdesign steht für eine integrative Perspektive der Zeitungsgestaltung. Die Maxime des Bauhauses "form follows function", ist nicht nur gültig für die Konstruktion von Stühlen, Teekannen und Wohnhäusern, sondern auch für die Gestaltung von Zeitungsseiten und Informationsmagazinen. Der Begriff Textdesign soll sowohl die Präsentationsformen als auch die Informationsziele umfassen. Textdsign ist eine Strategie, um die Lücke zwischen Layout und Text, zwischen Seitengestaltung und Beitragsgestaltung, zwischen Inhalt und Form zu schließen. Textdesign ist eine Verbindung von Optik und Stilistik. Diese neue Gestaltungslehre beruht auf der Einsicht, daß funktionale Änderungen sowohl die Präsentationsform als auch die Textform umfaßt. Textdesign könnte so ein journalistisches Dilemma aufbrechen: investigativ, aber unansehnlich versus leserfreundlich, aber oberflächlich.

Für eine integrative oder ganzheitliche Betrachtung von Form, Inhalt und Funktion spricht auch, daß sich der Wandel in den Printmedien nicht nur in den Aufmachungsformen sondern auch in der Textgestaltung niedergeschlagen hat. Texdesign und Textstruktur bedingen sich gegnseitig. So sind bereits neue Textformen entstanden, Bausteine von journalistischen Texten wie Überschriften und Vorspann haben mit ihrer Funktion auch ihre sprachliche Form geändert, die Strukturprinzipien von journalistischen Texten sind erweitert worden. Es wurden neue Gestaltungsprinzipien für Themenkomplexe entwickelt und andere Qualitätsprinzipien eingeführt.

Mit der Erweiterung des Gestaltungsbereichs erweitert sich auch der Verständlichkeitsbegriff und zwar in zwei Richtungen:
Erstens wird er nicht mehr nur beitragsbezogen bestimmt sondern blattbezogen. Als neue Kriterien kommen dadurch hinzu: die Blattransparenz und die Blattstrukturierung, aber auch die Ordnung und Hierarchie der Seitengestaltung. Und zweitens: Verständlichkeitsurteile sind nicht mehr nur textbezogen, sondern präsentationsbezogen: Neue Kriterien sind Übersichtlichkeit, Anschaulichkeit, Informationsportionierung, Nutzungskomfort und Erschließbarkeit der Berichterstattung für eine selektive Lektüre. Man könnte zusammenfassend auch von der Dialogizität der Berichterstattung sprechen: Inwiefern ermöglicht es die Informationsaufbereitung dem Leser, mit dem Medium in einen Dialogbetrieb zu treten, es interaktiv zu nutzen?

Medientendenzen und Funktionswandel der Zeitung

Die textdesignerischen Innovationen sind das Ergebnis eines Funktionswandels der Printmedien, den die journalistischen Traditionalisten und Fundamentalisten gerne übersehen. Zum ersten Mal wird in Debatten zwischen Presseforschern und Zeitungsmachern intensiv der Frage nachgegangen, was denn die Medienspezifik der Tageszeitung gegenüber den übrigen Medien ausmache. Orientierung, Übersetzung, Vertiefung sind dabei die Funktionen, die der Tageszeitung zugemessen werden, damit sie auch in Zukunft in der Konkurrenz mit Hörfunk und Fernsehen bestehen kann. Die neuen Formen der Wissensvermittlung sind auch als Versuche der Printmedien zu verstehen, im Konkurrenzkampf mit den elektronischen Medien Hörfunk, Fernsehen sowie den interaktiven Diensten zu bestehen. Zeitungen und Zeitschriften sollen leserfreundlich gestaltet werden, damit die Kundschaft nicht in ein anders Medium zappt.

Zu einem funktionalen Verständnis der Veränderungen bei den Präsentations- und Darstellungsformen können einige Daten und Befunde zur Lage der Printmedien und zur derzeitigen Mediennutzung beitragen:

  • Die bisher friedliche Koexistenz zwischen der Tageszeitung und den elektronischen Medien Hörfunk und Fersehen schlägt in einen Verdrängungewettbewerb um. Müßten sich die Bundesbürger für eines der drei Medien entscheiden, nur 20 Prozent würden die Tageszeitung wählen, über die Hälfte aber das Fernsehen. In den neuen Bundesländern würden sogar nur acht Prozent sich für die Tageszeitung entscheiden, während 64 Prozent nicht auf das Fernsehen verzichten wollten (Vgl. Berg/Kiefer 1992, 232-364).
  • Das Interesse an der Tageszeitung und am Lesen, vor allem bei Jugendlichen, läßt merklich nach. Fünfeinhalb Stunden Fernsehen täglich stehen 15 Minuten Zeitungslektüre gegenüber. Zwei Drittel der Jugendlichen beziehen ihre politische Information ausschließlich aus dem Radio (Vgl. Berg/Kiefer 1992). Während 65 Prozent der 14 bis 29jährigen das Fernsehen für unverzichtbar halten, sind es bei der Tageszeitung nur 9 Prozent (Vgl. Noelle-Neumann/Schulz 1993, 24-30).
  • Elektronische Medien und der Computer haben die Seh- und Kommunikationsgewohnheiten verändert, d.h. sie durch mediale Beschleunigung dynamisiert und auf visuelle Informationsübertragung fixiert. Visuelles Zeitalter und Zerfall der Sprach- und Lesekultur sind die Stichworte unter denen diese Tendenzen diskutiert werden (Vgl. dazu: Hoffmann, 1994; Sandbothe, M./Walter Ch. Zimmerli 1994; Postman, N. 1991).
  • Gegenüber Radio und Fernsehen hat die Tageszeitung das schlechtere Image. Nur etwa jeder fünfte Bundesbürger hält die Tageszeitung für glaubwürdig. Über ein Drittel der Jugendlichen urteilt über die Lokalzeitung: "steht mir fern". Würde das Fersehen und die Lokalzeitung unterschiedlich über dasselbe Ereignis berichten, 44 Prozent der Jugendlichen würden dem Fernsehen glauben, nur 13 Prozent aber der Lokalzeitung.(Vgl. Noelle-Neumann/Schulz 1993, 24-30; Rager u.a. 1994, 76-140).

Als Reaktionen auf die skizzierten Befunde zur Lage der Printmedien auf dem Medienmarkt lassen sich derzeit vier Entwicklungstendenzen unterscheiden:

  1. Die Wissens- und Informationsvermittlung in den Printmedien entwickelt sich von der Einkanaligkeit zur Mehrkanaligkeit: Statt hauptsächlich mit Texten wird die Information verstärkt auch in Bildern und Graphiken präsentiert, und zwar nicht zufällig, sondern systematisch.
  2. Komplexe Formen der Berichterstattung werden duch segmentierte Formen abgelöst. Aus dem Langtext wird ein Cluster aus verschiedenen visuellen und textlichen Darstellungsformen.
  3. Die Berichterstattung in den Printmedien wandelt sich vom Informations- zum Bedeutungsjournalismus. Die reine Faktenvermittlung wird den schnelleren Medien zugestanden, die Einordnung, Kommentierung und perspektivische Aufbereitung der Information wird dagegen als genuine Aufgabe der Printmedien gesehen, gewissermaßen als ihre Komplementärleistung gegenüber Rundfunk und Fernsehen.
  4. Printmedien werden zunehmend nicht mehr für den Durchleser, sondern für den Anleser und den selektiven Leser gestaltet (Vergleichbar mit dem Wandel des Hörfunks vom Einschalt- zum Nebenbeimedium).

In diese Tendenzbefunde systematisiert, wirkt der publizistische Wandel der Printmedien bedeutend weniger bedrohlich als es die Kassandra-Rufer des alten Journalismus verkünden. Möglicherweise sind sie in ihrer Wahrnehmung zu sehr "focussiert" und übersehen dabei, daß es bereits Printmedien gibt, die investigativen Journalismus und Textdesign verbinden können, wie es beispielsweise bei der Woche der Fall ist, aber auch in verschiedenen neugestalteten Tageszeitungen. Ich will nun im einzelnen auf die vier genannten Tendenzen eingehen, um sie dann zum Schluß unter der Frage der Verständlichkeit zu beurteilen.

Vom Einkanal-Medium zum Mehrkanalmedium

Natürlich gab es auch früher schon Bilder und Graphiken. Bereits 1806 brachte The Times einen Gebäudegrundriß, um die Reihenfolge der Geschehnisse um einen Mord zu visualisieren. Graphiken und Bilder wurden aber bis vor kurzem eher vereinzelt und unsystematisch verwendet und stärker unter ornamentalen Gesichtspunkten, zum Schmuck und Augenkitzel. Daß Bilder und Informationsgraphiken eigenständige journalistische Darstellungsformen sind, ist eine Einsicht, die sich erst langsam durchsetzt. Immerhin gibt es bereits Zeitungsredaktionen, in denen neben den Textjournalisten auch Foto- und Graphikjournalisten angestellt sind. Zeitungsforscher in den USA haben für die Dreikanaligkeit der Tageszeitung bereits ein Konzept für das redaktionelle Management entwickelt, das die Integration der bislang getrennten journalistischen Tätigkeiten von "writing, editing und design" vorsieht - kurz WED genannt. "The reader must be able to se an entire package - headline, story, photo, cutline, graphic, and sidebar - as an integrated unit, not as isolated elements. To achieve this integration, journalists must learn to integrate the processes that produce those elements" (Garcia 1993, 18). Nach Angaben von Helmut Markwort ist bei Focus diese enge Kooperation zwischen Textern, Fotographen und Graphikern bereits umgesetzt (Vgl. Interview mit Helmut Markwort, S & S 1/1994, 8/9).

Durch die mehrkanalige Informationsvermittlung ergeben sich einige neue Fragstellungen der Verstehens- und Verständlichkeitsanalysen:

  • Welche Information, bzw. welche Kommunikationsleistung kann am besten auf welchem Kanal vermittelt werden?
  • Wie kann ein komplexes Thema sinnvoll portioniert werden? Welche Informationsbestandteile lassen sich in Tabellen, Graphiken, Fotos aus dem Basistext auslagern?
  • Wie kann der Zusammenhang zwischen Text, Graphik und Bild, der Aufbau des Clusters, für die Leser gesichert werden, so daß sich die Bausteine der Informationsvermittlung in ihrer Leistung gegenseitig unterstützen?
  • Wie müssen Graphiken und Bilder durch entsprechende Beitexte unterstützt werden?
  • Welche informationsgraphischen Darstellungsformen (Graphik-Typen) und welche Typen der Bildverwendung lassen sich unterscheiden? Welche journalistsichen Absichten kann man mit ihnen umsetzen?
  • Welchen Qualitätskriterien müssen die drei Bausteine der Informationsvermittlung jeweils genügen? Also, was ist ein gutes Bild, eine gute Graphik ein guter Text?

Eine Typologie der optischen Elemente, vergleichbar mit den Textsortenbeschreibungen, ist derzeit nicht verfügbar. Und während die Verständlichkeit von Texten schon einigermaßen erforscht ist, gibt es wenig empirische Befunde für Bilder und Informationsgraphiken sowie für die komplementäre Rezeption der drei Informationskanäle. Eine der wenigen Ausnahmen ist eine Studie aus dem Poynter-Institut, bei der die Rezeption von vier verschiedenen Präsentationsmodellen oder Clustertypen experimentell getestet wurde. Dieselbe Geschichte eines Flugzeugabsturzes wurde einer Testgruppe von 400 Lesern als reine Textversion, als Version aus Text und Bild, als Version aus Text und Grafik und als Version aus Text, Bild und Grafik präsentiert. Das Ergebnis: Die schlechtesten Werte im Verständnis und der Behaltensleistung ergaben sich bei der reinen Textversion. Auch die emotionale Betroffenheit war hier am geringsten. Sie wurde erheblich erhöht durch die Verwendung eines Fotos, während die Graphik signifikant zum besseren Verständnis der berichteten Sachverhalte und Zusammenhänge beitrug. Fazit: Leser, die die Information über alle drei Kanäle, Text, Foto und Graphik aufgenommen hatten, konnten die meisten Fragen beantworten, waren am genauesten in der Beantwortung und fühlten sich hochgradig emotional berührt. Eine andere Studie zeigt jedoch, daß dieser Induktions- oder Synergie-Effekt nicht automatisch gegeben ist: Es kommt entscheidend auf die Qualität der einzelnen Bausteine an. In einer ähnlichen Versuchsanlage mit verschiedenen Clustertypen kommt Douglas Ward zum Ergebnis, daß ein ausgelagerter Beitext mit Zahlenangaben im Verständlichkeitstest sowohl den Basistext besser unterstützt als auch die numerische Information besser an den Leser bringt als eine Balkengraphik. Ward nimmt an, daß die Komplexität der Graphik und die fehlende Erklärung in einem Graphiktext für die schlechteren Verständnisleistungen verantwortlich sind.

Aufgrund dieser Befunde ist die rigorose Ablehnung von Informationsgraphiken als "Tortenjournalismus" (Cordt Schnibben) genausowenig angebracht wie kritiklose Euphorie. Notwendig ist es, sie als neue journalistische Darstellungsform in ihren Funktionen zu verstehen und Qualitätskriterien zu entwickeln.

Informationsgraphiken sind zunächst einmal Mittel, die eine textliche Bleiwüste beleben und das Interesse des Lesers binden können. Außerdem sind Informationsgraphiken Mittel der Informationsverdichtung und korrespondieren deshalb bestens mit der Platzknappheit aber auch der begrenzten Lesezeit. So kann man Zahlenlisten aus dem Text in eine Balkengraphik oder eine Erklärung in eine Komplexgraphik auslagern und damit auch den Text leserfreundlicher gestalten. Graphiken haben aber nicht nur Unterstützungs- oder Entlastungsfunktion für den Text, sondern können auch eingeständige Informationsträger sein. Als ihre grundlegende Funktion könnte man die Veranschaulichung annehmen und dementsprechend verschiedene Graphiktypen unterscheiden.

Numerische Graphiken

Balken- Kuchen-, und Kurvengraphiken sind die verschiednen Formen zur Veranschaulichung numerischer Information. Neben den absoluten Werten können sie auch die Relationen zwischen den Werten oder eine Entwicklungstendenz über einen bestimmten Zeitraum hinweg darstellen. Numerische Graphiken visualisieren gewissermaßen das Vergleichen. Was der Leser aus der Informationsgraphik simultan herauslesen kann, bietet ihm der Text nur sequentiell. Zuerst müssen die absoluten Werte genannt werden, und erst dann können Vergleiche angestellt werden. Die Freiheit in der Nutzung, oder wie man auch sagen könnte, der interaktive Charakter der Nutzung einer Informationsgraphik besteht darin, daß der Betrachter die Vergleiche ziehen kann, die ihn interessieren, während im Textbeitrag der Journalist die Vergleiche zieht.

Kurven-, Balken- und Kuchengraphiken sind ganz unterschiedlich in ihren journalistischen Einsatzmöglichkeiten. So lassen sich Kuchengraphiken nur verwenden, wenn man die Aufteilung einer Gesamtsumme - also die Verteilung eines Gemeindehaushaltes auf die verschiednen Ausgabenbereiche oder die Sitzverteilung eines Parlamentes - visualisieren will. Für quantitative Vergleiche - beispielsweise um den Anteil der Stimmen einer Partei mit deren Stimmen in einem anderen Bundesland oder einer früheren Wahl darzustellen - benötigt man aber eine Balken- oder eine Kurvengraphik. Für die Gestaltung von Zahlengraphiken liegen bereits einige wahrnehmungspsychologische Testergebnisse vor. So ließ sich beispielweise experimentell zeigen, daß sich Leser bei der Wahrnehmung von Größenverhältnissen in Kuchgengraphiken nicht an der Fläche der Kuchenstücke orientieren, sondern an den Winkelverhältnissen im Kreismittelpunkt. Schätztests mit komplizierten Formen wie einer Schildform als Basis für die Verteilung der Ausgaben beim Golfkrieg ("Aktion Wüstenschild") oder einer Herzform für die Aufteilung von Geschenkadressaten, haben zu keinen schlechteren Testergebnisse geführt als die einfache Kreisform. Auch die Dreidimensionalität der Darstellung hat die Testergebnisse nich beeinträchtigt, wohl aber die verzerrte optische Umsetzung von Zahlenrelationen (Vgl. Prabu 1992). Nicht immer gestützt auf solche Testbefunde sondern meist aus der Praxis heraus sind bereits erste Prinzipien für die Gestaltung von Zahlengraphiken formuliert worden:

  • Wie jeder journalistsiche Beitrag braucht auch die Informationsgraphik eine Überschrift.
  • Keine Graphik ohne Unterzeile und ohne Quellen- und Autorenangabe.
  • Bei Kuchengraphiken der Übersichtlichkeit wegen nicht mehr als acht und nicht weniger als drei Elemente aufnehmen.
  • Fieberkurven werden unübersichtlich, wenn zuviele Linien übereinanderliegen.

Erklärgraphiken

Erklärgraphiken veranschaulichen Sachverhalts- und Ereigniszusammenhänge. Sie können beispielsweise erklären,

  • wie in Japan Hochhäuser erdbebensicher gemacht werden,
  • wie sich ein Autounfall abgespielt hat,
  • wie man sich mit dem Pest-Bazillus anstecken kann,
  • wie die alpinen Abfahrtsstrecken in Lillehammer beschaffen sind.

Diese aufgeführten Informationshandlungen lassen sich auch mit einem Textbeitrag vollziehen, so daß sich die Frage stellt, wo denn die Vorteile und spezifischen Leistungen einer informationsgraphischen Umsetzung liegen. Das soll an folgendem Vergleichsbeispiel illustriert werden, bei dem eine Texterklärung der Pestausbreitung mit einer informationsgraphischen Erklärung verglichen wird (siehe Abbildung 1).

Erklärgrafik aus der Südwest Presse
Abbildung 1: Erklärungskasten zur Verbreitung des Pestbazillus. SÜDWEST PRESSE, 28.09.1994.

Sowohl der Text als auch die Graphik sind jeweils Vertiefungsangebot für einen Informationsbeitrag zur aktuellen Pestepidemie in Indien. Die inhaltliche Gliederung von Text und Graphik weist große Übereinstimmungen auf. Die Themenbereiche Krankheitsübertragung, Krankheitssymptome und Behandlungsmethoden bilden bei beiden die inhaltliche Grundstruktur. Nur: Die Informationsgraphik zeigt dem Leser diese Grundstruktur. Sie ist durch die vier Sektionen der Graphik visualisiert, und durch deren Überschriften auch etikettiert. Die verständnisfördernde Leistung der Informationsgraphik besteht demzufolge darin, daß sie den Leser unterstützt, die thematische Makrostruktur der Erklärung zu erkennen.

Während die Texterklärung dem Leser eine lineare Rezeption abverlangt, ermöglicht die Informationsgraphik verschiedene Nutzungsmöglichkeiten. Der Leser kann sich auf einer ersten Rezeptionsebene zunächst horizontal entlang der Bilddarstellung einen Überblick über die Übertragungswege des Pestbazillus verschaffen, gewissermaßen von der Ratte bis zum befallenen Lymphknoten. Diese visuellen Elemente der Graphik zeigen auch bereits die alternativen Übertragungswege durch den Flohbiß und die Tröpfcheninfektion. Diese strukturelle Information, die eine horizontale Lesart der Informationsgraphik liefern kann, ist dem Text nicht so ohne weiteres zu entnehmen und erschließt sich teilweise erst am Schluß der Lektüre. Gegenüber der Textversion ist die Graphikversion in bezug auf die Makrostruktur der Erklärung für die Pestausbreitung übersichtlicher. Mit ihr kann deshalb globalen Verstehensproblemen besser begegnet werden.

Eine zweite, vertikale Lesart ist das spaltenweise Vorgehen, bei dem Textbausteine und graphische Elemente im Zusammenhang rezipiert werden, und zwar jeweils unter einer der Überschriften. Durch diese Lesart werden im Gegensatz zur horizontalen die Mikrostrukturen des Beitrags erschlossen. Dazu gehört beispielsweise in der zweiten Graphikspalte, daß sich ein Verständnis der Ausdrucks "auch" im Satz "Der Bazillus kann auch übertragen werden, wenn ein Erkrankter einen gesunden Menschen anhustet" durch die graphische Umsetzung der alternativen Übertragungswege erschließen läßt. Der Zusammenhang zwischen Graphiktext und Graphikdarstellung ist in allen vier Spalten der Graphik ein Veranschaulichungszusammenhang. So wird in Spalte 1 und 2 veranschaulicht, wie die Übertragung geschieht, in Spalte 3, wo die Krankheitssymptome im Körper ansetzen und in Spalte 4, in welchen Ländern der Erde die Pest verbreitet ist (siehe Abbildung 2).

Erklärgrafik aus den Stuttgarter Nachrichten
Abbildung 2: Informationsgrafik zur Verbreitung des Pestbazillus. STUTTGARTER NACHRICHTEN, 27.09.1994.

Eine dritte Strukturierungsleistung der Informationsgraphik erbringen die beiden Textelemente in der dritten und vierten Spalte. Mit Hilfe der Typographie (Fettdruck und Dreiecks-Markierung) geben sie eine Übersicht über die drei Krankheitsformen der Pest (Spalte 3) und über die Behandlungsschritte (Spalte 4). Zusammenfasssend erbringt die Informationsgraphik gegenüber einer Texterklärung zwei verständnisfördernde Leistungen: die Veranschaulichung von Sachverhaltszusammenhängen und die Übersicht über die Mirkro- und Makrostrukturen der Erklärung.

Während in vorigen Fall die Erklärgraphik eine Alternative zur Texterklärung ist, gibt es auch Fälle, in denen eine Graphik nur um den Preis hoher Lektüreleistung durch eine Textversion ersetzbar ist. Das gilt, wenn die visuelle Darstellung eine komplizierte Beschreibung ersetzt - beispielsweise die Aufriß-Abbildung eines Plutonium-Behälters eine Beschreibung, wie dieser Behälter gebaut ist - oder bei allen Arten von Topographiken.

Topo(graphische)-Graphiken

Topo(graphische)-Graphiken veranschaulichen lokale, geographische Gegebenheiten. Sie können beispielsweise zeigen:

  • wo eine Umleitung, ein neuer Radweg, eine geplante Umgehungsstraße verläuft,
  • wo die Ab- und Anflugschneisen eines Flugplatzes liegen,
  • wo der Rhein Überschwemmungen verursacht hat,
  • wo in Frankreich welcher Wein wächst,
  • wo die gefährlichen Erdbebengebiete auf dem Globus liegen,
  • wo der Komet Shoemaker-Levy 9 sich im Planetensystem bewegt.

Da Ortsangaben immer relational sind, muß für ihr Verständnis ein topographisches Wissen vorhanden sein - gewissermaßen als Anker für die neue topographische Information. Da dafür die Voraussetzungen bei Lesern sehr unterschiedlich sein können, ist es im Text nur sehr schwer systematisch aufzubauen. Eine Landkarte oder ein Stadtplan mit Orientierungshilfen ermöglichen es dem Leser dagegen, seine bereits vorhandene Ortskenntnis zu aktivieren und damit die Vertiefung seiner topographischen Vor-Orientierung selbst zu bestimmen.

Wenn Informationsgraphiken journalistische Darstellungsformen sind, dann stellt sich auch die Frage nach ihren Gestaltungsmöglichkeiten und den spezifischen Gestaltungsprinzipien. Analog zu den Textsorten benötigt der Journalist für die Verwendung von Informationsgraphiken Kenntnisse darüber, welche publizistischen Absichten mit welchen Formen realisierbar sind. Generell läßt sich sagen, daß Informationsgraphiken das Verstehen erleichtern, weil sie Zusammenhänge visualisieren - und sie damit zeigen -, die man aus dem Textbeitrag erst herauslesen, herausinterpretieren muß.

Vom Langtext zum Cluster

In den Tageszeitungen, Wochenmagazinen und Wochenzeitungen lasssen sich derzeit zwei Formen von Clusterbildungen unterscheiden. Erstens die Segmentierung eines Schwerpunktthemas. So wird beispielsweise das Thema "Verkehrsüberwachung mit versteckter Kamera ("Starenkästen") auf einer Sonderseite der Rheinischen Post nicht in Form eines Langtextes präsentiert, sondern als Cluster aus folgenden Beitragselementen
(siehe Abbildung 3):

Cluster aus der Rheinischen Post
Abbildung 3: Berichterstattungscluster zum Thema "Verkehrsüberwachung mit versteckter Kamera. Rheinische Post, 28.03.1992.
  • Überschrift und Vorspann für die gesamte Seite informieren den Leser über Thema, Themenrelevanz und Aufbau der Sonderseite (Integrierender Vorspann und Überschrift).
  • Der Hauptbeitrag liefert die Kerninformationen.
  • Eine Informationsgraphik zeigt, wo die Radarfallen im Stadtgebiet aufgestellt werden.
  • Eine zweite Informationsgraphik mit Beitext erklärt die technischen Details der Radarmessung.
  • Ein Zitatenbericht liefert die Einschätzung kommunaler Verkehrsüberwachung aus Sicht der Polizei.
  • Eine Tabelle zeigt die Folgen der jeweiligen Geschwindigkeitsmessungen für das Punktekonto in Flensburg.
  • Ein Kurzbericht schildert kuriose Reaktionen von geblitzten Autofahrern.
  • Zwei Kurzkommentare geben unterschiedliche Meinungen zu den Starenkästen wieder.

Die zweite Form der Clusterbildung - neben der Segmentierung eines Themenkomplexes - besteht im Auslagern bestimmter Bestandteile aus einem Grundtext.

Zerlegung eines Themenkomplexes und Auslagerungen von Beitragselementen in ein Cluster aus verschiedenen Darstellungsformen haben zwei Vorteile: Erstens bietet ein Ensemble aus verschiedenen Beiträgen auch verschiedene Einstiegsmöglichkeiten für den Leser und verschiedene Nutzungstrategien. Während der Langtext den Leser vor eine Alles-oder-Nichts-Entscheidung stellt - durchlesen oder weiterblättern - macht ihm die Clusterpräsetation ein Selektionsangebot. Und zweitens: Die Auflösung der kompakten Präsentation erlaubt kurze Texte ohne inhaltliche Verkürzungen. Das Clusterprinzip ist damit eine ideale Lösungsmöglichkeit, daß die Forderung nach Kürze bei der Textgestaltung nicht in eine Verkürzung umschlägt. Die komplexe Wissensvermittlung durch den Langtext wird auf verschiedene Informationslelemente verteilt. Eine solche Portionierung der Berichterstattung kann mit verschiedenen Strategien erreicht werden:

a) die thematische Segmentierung:
Im folgenden Beispiel ist ein Redaktionsgespräch über die Folgen der Gesundheitsreform in mehrere Beiträge zu bestimmten thematischen Aspekten des Expertenhearings zerlegt worden.
(Siehe Abbildung 4)

Cluster aus der Neckar Chronik
Abbildung 4:

b) die funktionale Segmentierung
In einem Beispiel der Vorarlberger Nachrichten ist eine Unfallberichterstattung in folgenden Elemente zerlegt (siehe Abbildung 5):

Cluster aus den Vorarlberger Nachrichten
Abbildung 5: Funktionale Segmentierung eines Unfallberichts. Vorarlberger Nachrichten 19.11.1992
  • Zwei Unfallberichte zu einer Unfallserie.
  • Ein Augenzeugenbericht.
  • Eine Beschreibung des Unfallortes nach dem Unfall.
  • Eine Informationsgraphik, mit der der Unfallhergang erklärt wird.
  • Eine Chronik früherer Unfälle an dieser Stelle.
  • Vier Bilder, die den Unfallhergang dokumentieren.

Es gibt auch Fälle einer funktionalen Segmentierung, bei der nicht verschiedene Handlungsmuster ein Cluster bilden, sondern ein komplexes Handlungsmuster in Teilhandlungen zerlegt wird, beispielsweise eine Erklärung in verschiedene Teilerklärungen. So wird in der Woche die komplexe Frage, warum eine Einigung in Nordirland so schwierig ist in verschiednenen Textbausteinen beantwortet, indem erklärt wird:

  • warum Nordiralnd nicht zur Republik gehört,
  • welche Rolle die Religion im Konflikt spielt (etc.).

c) die perspektivische Segmentierung
Ein Thema wird aus verschiedenen Blickwinkeln behandelt. So wird in der Woche beispielsweise das Thema Pflegefälle in der Familie (Titel: "Prügel für Omi", Woche 29.7.1993) vom selben Autor einmal aus Sicht der Pfleger ("Helfer: erschöpft und schikaniert") und zum anderen aus der Sicht der Pflegenbedürftigen ("Hilflose: abgemagert und geschunden") behandelt
(siehe Abbildung 6).

Cluster aus der Woche
Abbildung 6: Perspektivische Segmentierung des Themas "Versorgung von Pflegebedürftigen" aus Sicht der Helfer und der Hilflosen. Woche, 29.07.1993

Mehrperspektivität wird auch dann praktiziert, wenn Kontrahenten im Blatt ihren Meinungsstreit austragen, oder wenn Begleitkommentare und Begleitinterviews zu Beiträgen über konträre Themen gestellt werden.

Entscheidend für die Verständlichkeit ist bei allen Segmetierungen, daß die Dekomposition des Themas durch Kompositionshilfen für den Leser wieder integrierbar gemacht wird. Ohne kohärenzstiftende Hilfen besteht die Gefahr, daß die Informationssegmente in ein wildes Informationspuzzle zerfallen. Reflexive Möglichkeiten der Kohärenzsicherung sind beispielsweise:

  • der integrierende Vorspann, der den funktionalen und thematischen Aufbau eines Clusters erläutert,
  • die Hierarchisierung der Cluster-Elemente durch die Aufmachung (Überschriftengröße, Plazierung, Typographie),
  • Die textliche Gestaltung auffallender Elemente als Brückentexte. Elemente die sich dafür eignen sind Bildzeilen, Überschriften und Vorspänne,
  • Integrationsüberschriften für die verschiedenen Clusterelemente, wie sie beispielsweise von der Berliner Zeitung in Form einer grauen Balkenzeile bei jeder Cluster-Berichterstattung verwendet wird.

Gewissermaßen Textdesign im Kleinen sind die verschiedenen Möglichkeiten, Informationsbestandteile aus einem Basistext in Supplemente auszulagern. Auslagern lassen sich: biographische Daten, Umfrageergebnisse, Zitate, Kurzinterviews, geographische Beschreibungen in Form von Landkarten, informationsgraphisch aufbereitete komplexe Zusammenhänge wie Entscheidungswege einer Behörde, Expertentips, Fallbeispiele oder Chronologien aller Art. Die Südwest Presse hat beispielsweise ein Logo ("Info") entwickelt, mit dem in allen Resorts kurze Hintergrundsinformationen an aktuelle Beiträge angehängt werden können - von der Erklärung des Deutschen Aktienindex, oder der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes bis zur Kurzanalyse der politischen Situation in Nord-Osetien im Vorbericht zum Europacup-Spiel von Borrussia Dortmund gegen Spartak Wladikawkas. Auch das Auslagern ist eine Doppelstrategie zur leserfreundlichen Zeitungsgestaltung: Es schafft einerseits kürzere, stringent gebaute Beiträge ohne Verkürzungen und liefert dem Leser außerdem zusätzliche Einstiegspunkte in einen Themenkomplex. Lassen wir den Zeitungsdesigner Norbert Küpper das Fazit ziehen: "Die Diskussion um die Artikellänge ist ein Schaukampf, denn sobald man anfängt, Artikel aufzugliedern, kann man sogar mehrere Seiten mit einem Thema füllen."

Blickaufzeichnungsuntersuchungen haben gezeigt, daß es bei der Nutzung einer Zeitungsseite relativ feststehende Sequenzmuster gibt. Diese Muster folgen jedoch nicht den traditionell von Layoutern angenommenen Gesetzmäßigkeiten wie rechte Seite vor linker Seite oder der Annahme einer S-förmigen Augenbewegung über die Seite, sondern sind gesteuert durch die Seitengestaltung. So erfolgt der Einstieg in die Seite immer über das Bild, wobei Farbbilder Schwarz-Weiß-Bilder normalerweise dominieren. Danach wandert der Blick zur Bildzeile und zu den größeren Überschriften. Es ist deshalb sinnvoll, die Bildzeilen nicht nur in Bezug auf das Bild zu formulieren, sondern auch auf den Beitrag, zu dem das Bild gehört. Bildzeilen sind gewissermaßen die Brücke zwischen Bild und Beitrag. Aus dieser Doppelfunktion der Bildzeile lassen sich zwei Prinzipien für ihre Gestaltung ableiten: Deutungsrelevante Information für das Bild soll nicht im Beitragstext versteckt werden. Und Zweitens: Die Bildzeile muß den Leser für den Beitrag interessieren. Auf Personenfotos angewandt heißt das: Der Name allein kann diese Aufgabe nicht leisten, sondern er ist zu ergänzen durch Angaben zur Person, die deutlich machen, warum sie im Berichterstattungszusammenhang relevant ist, also beispielsweise Angaben zu ihrer Funktion und zu ihrer Stellung. Bildzeilen sind wie Überschriften und Vorspänne als Brückenelemente gewissermaßen der Kitt, der ein Berichterstattungs-Cluster zusammenhalten kann.

Vom geduldigen Leser zum Überflieger (Vom Durchleser zum Anleser)

Angesichts eines inhomogenen Publikums stellt sich für jedes Medium das Problem der Mehrfachadressierung. Die bisherigen Lösungen liefen darauf hinaus, das Angebot an Inhalten und Formen so allgemein zu halten, daß es auf möglichst viele paßt, gewissermaßen mehrheitsfähig ist. Diese Philosophie des kleinsten gemeinsamen Nenners ist zunehmend weniger erfolgreich. Die Medienpublika splittern sich nämlich immer stärker in einzelne Segmente auf. Eine der größten Wachstumsbranchen sind demzufolge die Fach- und Spezialzeitschriften für eng begrenzte und spezialisierte Leserschaften. Diesen Spezialisierungstrend kann die Tageszeitung nicht mitmachen, will sie nicht einen ihrer wirkungsvollsten Pluspunkte beim Leser preisgeben: In der Lesermeinung gilt die Tageszeitung als Universalmedium, das es ermöglicht, täglich auf dem aktuellen Stand aller bedeutsamen Themen und Ereignisse zu sein - der lokalen, nationalen und internationalen. Die neue Strategie zur Lösung der Mehrfachadressierung besteht darin, der Leserschaft optimale Selektionshilfen für ihre jeweilige Art der Lektüre an die Hand zu geben. Dadurch kann der Leser gewissermaßen in den Dialogbetrieb mit seiner Zeitung eintreten. Peggy Stark vom amerikanischen Poynter-Institut sieht diese Neuorientierung der Zeitungsgestaltung als notwendige Konsequenz aus den Ergebnissen der Lesertests, denenzufolge nur noch 25 Prozent der Texte angeschaut werden und davon etwa die Hälfte gelesen wird. "I don´t think that it´s realistic to expect readers to read everything, so I think the intention of the design must be to organize the traffic patterns so readers can get to the material they want or need that day and to organize the specific information so it´s first attractive and then comprehensible" (Eyes on the news, Poynter-Institute, St. Petersburg 1991, 67).

Selektionshilfen sind auf der optischen Ebene beispielsweise: Farbleistsysteme, die Ressorts und Themenbereich unterscheiden helfen, Logos und Piktogramme, die Berichterstattungsserien markieren, Inhaltsleisten, Promo-Boxen, Anreißermeldungen, die auf spätere Texte verweisen. Nebenbei bemerkt: Mit dem Tagesthemen-Telegramm hat das Fernsehen ein Ankündigungs-Element aus den Printmedien übernommen. Durch diese Orientierungshilfen kann jeder seinen individuellen Lesepfad durch die Seite finden. Die Nutzung einer Zeitungsseite wird dadurch offen. Man könnte sagen: Eine Menge Leserpfade führen auf einer Zeitungsseite in alle Richtungen des Wissenserwerbs und der Meinungsbildung.

Textsortenwandel im Dienste der Leser

Unter der Hand ist so eine neue Textsorte in Tageszeitungen entstanden, die bisher in keinem journalistischen Lehrbuch und in keiner der kommunikations- und textwissenschaftlichen Bestandsaufnahmen auftaucht: der Anreißer. Nachrichtenmagazine und verschiedene Fachzeitschriften haben diese Textsorte bereits früher zu Inhaltsankündigungen verwendet. In den Printmedien lassen sich drei Varianten unterscheiden:

1. Der Meldungsanreißer
Die Welt Teil 4 (Resort)
Rechtsextreme Gewalt an Hitlers Geburtstag
Jugendliche zündeten in Bielefeld ein Haus türkischer Bewohner an, in Sachsen flog eine Brandbombe in ein Asylbewerberheim (Oberhessische Presse, 22.4.1994)
Obligatorische Bestandteile sind die Meldung eines zentralen Sachverhalts und ein Querverweis auf den ausführlichen Beitrag. Wie eng Anreißermeldungen mit Sachverhaltsmeldungen verwandt sind, wird daran deutlich, daß manche Zeitungen sie in derselben Rubrik, im selben Kasten zueinander stellen. Die gewünschte Deutung einer Anreißermeldung ist wohl: Hier das Zentralfaktum, mehr dazu im Verweistext.

2. Der Fragestellungs-Anreißer
Während bei der Anreißermeldung die Basisinformation Hauptzweck ist, ist es hier die Motivation des Lesers für den ausführlichen Beitrag:
Seite 13:
Bär, Vontobel: Wer ist besser?
Traumbörsenjahr 1993: die Leistungen der renommierten Anlagenbanken im Verlgeich. (Cash, 31.3.1994. 13)

"Bevölkerung:
In Kairo tagt ab 5. September die Weltbevölkerungskonferenz. Wiedereinmal wird die globale Bevölkerungsexplosion beschworen. Alles nur Panikmache? 14 + 15"(Woche 1.9.1994)

3. Illokutionäre Ankündigungen
Wahlkampf:
Helmut Kohl startet in Dortmund in die Wahlschlacht. Der Ostberliner Schriftsteller Rolf Schneider rezensiert seine Rede. CDU-Wahlstratege Peter Radunski zerpflückt die Kampagne der CDU 5 + 6. (Woche 1.9.1994)

Es gibt Affinitäten zwischen den Anreißertypen und den Beitragstypen, auf die sie verweisen. So sind Anreißermeldungen typisch für berichtenden Beiträge, Fragestellungs-Anreißer und illokutionäre Ankündigungen verweisen meistens auf Hintergrundbeiträge oder Features.

Neben den Orientierungshilfen, die die Selektion in bezug auf das Gesamtblatt steuern, gibt es Orientierungshilfn, die über der Einheit Zeitungsseite operieren. Dazu gehören auch Überschriften und Vorspänne. Traditionellerweise werden diese nur in Relation zum jeweiligen Einzelbeitrag betrachtet. Ihre Funktionen wurden dementsprechend auch beitragsintern beschrieben, beispielsweise als Zusammenfassung, als Ankündigung oder als Motivierungstextteil. Für den selektiven Leser sind sie aber zugleich Orientierungshilfen, gleichsam das Inhaltsverzeichnis der Seite. Bei der Neugestaltung der Frankfurter Rundschau ging der Zeitungsdesigner explizit von dieser Funktionserweiterung aus: "Der Vorspann ist als letzte differenzierte Stufe der Aufmachung, also der Überschrift, zu werten, und nicht als erster, lediglich fettgedruckter Anfang des Textes", so der Zetiungsdesigner in einem Interview zum Relaunch des Blattes. (Frankfurter Rundschau, 24.12.1993). Durch dieselbe Typographie ist der Vorspann in der neuen FR deshalb optisch mit der Überschrift verklammert. Der Beitragstext ist dadurch von ihm abgesetzt, daß die Spitzmarke (Ort und Agentur) erst am Beginn des Haupttextes steht und nicht wie vorher den Vorspann eröffnet. In den Luzerner Neuesten Nachrichten wird der Vorspann sogar durch eine gestaltete Linie vom Grundtext abgetrennt. Die Orientierungsfunktion des Vorspanns kommt auch darin zum Ausdruck, daß er bei allen Neugestaltungen von Printprodukten auf etwa 10 Zeilen begrenzt ist und nur noch einspaltig laufen darf. Durch solche kurze Eröffnungsteile läßt sich ein Dilemma vermeiden, in das längere Vorspannformen notwendigerweise führen: Der Leser weiß schon nach der Einleitung soviel, daß er eigentlich abbrechen kann. Optisch kommt die Funktionsänderung des Vorspannes in einer ganzen Reihe von typographischen Neuheiten zum Ausdruck: Flattersatz, zentrierte Vorspannzeilen, größere Schrifttypen oder Kasten um den Vorspann.

Eng gekoppelt an die Funktionsänderung von Überschrift und Vorspann ist auch die Aufweichung des Pyramidenprinzips als Textstruktur für Informationsbeiträge. Vor allem in der Lokalberichterstattung werden die Informationsschwerpunkte mehr und mehr auf den ganzen Text verteilt und nicht am Textanfang konzentriert. Wenn dem Leser schon Angebote zur verstärkten Selektion gemacht werden, dann sollen die Texte wenigstens so gestaltet werden, daß er sie nicht nur an- sondern durchliest. "We need to get away from the tyranny of the inverted pyramid, an ancient an venerated device that is boring if not downright destructive" (Eyes on the news 1991, 45). Und: "It ist wrong to imagine journalism´s narrative approaches as limited by the inverted pyramid. Between the inverted pyramid and the narrative documentary, a journalist may choose from many approaches"(Adam 1993, 35.)

Für die Textproduktion schlagen die Forscher vom Poynter-Institut eine neue Verfahrensweise vor: Statt in Pyramidenform sollen Beiträge in eigenständigen Modulen und Blöcken formuliert werden. Die so entstandene Makrostruktur eines Textes hat Vorteile für zwei Lesergruppen: Für den Druchleser ist der Beitrag in Einheiten gegliedert mit gewichtigen Informationsangeboten bis zum Schluß. Querleser und Seiteneinsteiger finden dadurch Einstiegspunkte in den Beitrag und in Textabschnitte, die auch auch isoliert gelesen verstehbar und informativ sind. Unterstützt wird die modulare Textgestaltung durch verschiedene Orientierungshilfen wie Zwischenüberschriften, Marginalien (sidebars), Fettauszeichnungen von Textteilen und optischen Gliederungshilfen wie typographische Auszeichnungen bei Aufzählungen. Eine Textstruktur läßt sich auch durch sprachliche Parallelkonstruktionen exlpizit machen, wie in der folgenden Analyse eines Bundesliga-Fußballspieles im Sportteil der Süddeutschen Zeitung:
"Zwar stand die Abwehr um den neuen Libero-Versuch Jan Wouters einigermaßen sicher (…) - aber sie nahm sich auch Zeit für drei Unachtsamkeiten (…). Zwar eiferten Sternkopf und Bender in ihren bislang besten Saisonspielen nach Kräften - aber dafür schaute Thon meist am Spiel vorbei (…). Zwar mühte sich Marcus Münch gegen den "wunderbaren Fußballer Bein" redlich - aber er war mit seinen 19 Jahren überfordert (…). Zwar malochte sich im Angriff Labaddia in die Herzen der Fans - aber wo war Laudrup? Ein bißchen zuviel Aber (SZ 23.3.1992).

Erkennt der Leser den seriellen Charakter solcher Parallelformulierungen, so kann ihn deren Deutung von der sprachlichen Struktur des Textes zu dessen inhaltlicher und funktionaler Struktur leiten. Im zitierten Beispiel wird diese Deutung im letzten Satz sogar expliziert. Im Gesamtzusammenhang des Beitrags läßt sie sich noch generalisieren: Zwar gut gespielt - aber trotzdem verloren. Parallelformulierungen strukturieren also nicht nur den Textaufbau - wie es optische Mittel ebenfalls tun -, sondern liefern auch Hinweise auf die weitergehende Deutung der strukturierten Textpassage im Gesamtzusammenhang des Beitrags.

Synoptische Formen der Informationsaufbereitung

Eine konsequente Abkehr vom Pyramidenprinzip ist die synoptische Informationsaufbereitung. Der entsprechende Beitrag besteht nicht mehr aus einem Fließtext, sondern aus verschiedenen Subtexten, die je nach Thema nach bestimmten Organisationsprinzipien gegliedert und aufbereitet sind. Im folgenden Beispiel wird der übliche Vorbericht für das Spitzenspiel der Schweizer Fußball-Nationalliga in eine synoptische Gegenüberstellung der beiden Mannschaften nach den spielentscheidenden Faktoren aufgelöst
(siehe Abbildung 7).

Beispiel für synoptische Aufteilung aus den Luzerner Neueste Nachrichten
Abbildung 7: Synoptische Informationsaufbereitung: Vorbericht auf das Sitzenspiel der Schweizer Fußball-Nationalliga. Luzerner Neueste Nachrichten, 26.08.1994

Diese Form der textdesignerischen Informationsaufbereitung eröffnet dem Leser die Möglichkeit, selektiv eine eigene Beitragsstruktur aufzubauen. Er kann linear verfahren und den Beitrag als Fließtext durchlesen, wobei die Beurteilungsaspekte in der Mittelspalte als Zwischentitel fungieren. Er kann die ihn interessierenden Vergleichsaspekte auswählen und die Reihenfolge selbst bestimmen, vielleicht fängt er sogar mit der Abschlußbewertung am Seitenfuß an. Er kann seinen Lektüre-Einstieg aber auch von der jeweiligen Zwischennote abhängig machen: Wo stimmen die beiden Vereine überein, wo unterscheiden sich sich? Die synoptische Informationspräsentation hat unter Verständlichkeitsgesichtspunkten zwei Vorteile: Sie zeigt die Struktur des Informationsangebots im Überblick - hier in Form der gewählten Beurteilungsaspekte - und sie ermöglicht eine vergleichende Lektüre. Eine synoptische Informationspräsentation bietet sich deshalb immer an bei einer vergleichende Themenbehandlung oder bei Übersichtsdarstellungen:

  • Die sieben großen Industrienationen werden vor einem Weltwirtschaftsgipfel mit einem wirtschaftspolitischen Kurzportrait und den graphisch aufbereiteten Wirtschaftsdaten zu Export und Import verglichen.
  • Die Kandidaten für eine Wahl werden einander in ihren Aussagen zu bestimmten Themenbereichen (Kindergarten, Steuern, Drogenpolitik, Gesundheitspolitik etc.) in Form einer Tabellendarstellung gegenübergestellt.
  • Auf der Grundlage einer Länderkarte der Bundesrepublik wird mit Informationskästen gezeigt, zu welchen Themen Untersuchungsausschüsse in den einzelnen Bundesländern eingerichtet sind (siehe Abbildung 8).
  • Auf der Grundlage einer Landkarte des ehemaligen Jugoslawiens wird mit Datenkästen und Kurztexten zu den einzelnen Regionen die Kriegslage im Überblick dargestellt.
Beispiel für synoptische Aufteilung aus der Woche
Abbildung 8: Informations-Synopse: Amigoland ist überall / 21 Untersuchungsausschüsse graben sich in Deutschland durch Filz und Affären. Woche 6.05.1993.

Gemeinsam ist diesen Formen der synoptischen Informationspräsentation - egal ob in Tabellenform oder in der Kastenform -, daß sie im Gegensatz zum Fließtext dem Leser eine systematische selektive Lektüre eröffnen - ihn zur interaktiven Nutzung des Informationsangebotes einladen.

Vom Informations- zum Bedeutungsjournalismus

Medienkritiker haben immer wieder auf das enorm gewachsene Informationsangebot hingewiesen und vor dem entstehenden Informationschaos gewarnt. Roger Willemsen fordert eine kopernikanische Wende der Nachricht und begündet dies mit folgender Diagnose: "In den Nachrichten herrscht weder ein zeitliches Kontinuum, noch werden Nachrichten so vernetzt, daß ihre Zeitgenossenschaft zueinander als Quintessenz der Gegenwart faßbar wird. Ihre Resultate sind partikular, ihre Wahrnehmung ist atomistisch, ihr Zusammenhang wird allein durch das Erscheinungsdatum suggeriert" (Willemsen 1994, 32/33). Die kopernikanische Wende der Nachricht, nach der "nicht mehr die Politik als Subjekt spräche, (…) sondern die Öffentlichkeit selbst zum Thema würde", will er durch eine inhaltliche Änderung des Nachrichtenbegriffs einleiten: Alltagswirklichkeit statt Polit-Rituale, gesellschaftliche Konsequenzen und Folgen statt öffentliche Standardereignisse und Pressekonferenzen. Aber auch die Medienkritik, die reflexive Aufklärung der Medien über sich selbst, soll Bestandteil der Berichterstattung werden, denn: "Die Arbeit an der Herstellung der Wirklichkeit selbst ist zu deren prägenden Elementen geworden und umgibt sich ihrerseits mit einer Aura der Fraglosigkeit, die den Prozeß der Auswahl, Abstraktion und Inszenierung verleugnet" (36).

Eine solche kopernikanische Wende in der Berichterstattung hat Neil Postman für die elektronischen Medien bereits ausgeschlossen. Vor allem das Fernsehen ist für ihn als Medium anti-aufklärerisch: "Fernsehbilder sind schnell, konkret, unzusammenhängend und alogisch" (Vortrag FIEJ-Kongress 1990 Kopenhagen: Die Zukunft der Zeitung). Genau in den Schwächen der elektronischen Medien sieht Postman die Chance für die Printmedien. Er fordert von ihnen eine Komplementärleistung, derzufolge sie vom Informationsjournalismus zum Bedeutungsjournalismus übergehen sollen. Das heißt für ihn, und darin stimmt eine ganze Reihe von Pressetheoretikern mit ihm überein: mehr Hintergrund, mehr Überblick, mehr Kommentar und Meinung und mehr Perspektive in der Presseberichterstattung. Für die Zukunftssicherung der Printmedien schlägt Postman im weiteren einen Funktionswandel der Medien vor: Statt Anbieter der Ware Information sollen die Zeitungen und Zeitschriften Kommunikatoren des öffentlichen Lebens, statt Beobachter Parteigänger der Bürger sein. "Community connectedness" heißt das Schlagwort in den USA, mit dem diese Aufgabenerweiterung der Presse bezeichnet wird. Sie gilt als wichtigste Strategie der Leser-Blatt-Bindung, um sinkende Abonnentenzahlen zu stoppen. (Vgl. Rosen 1993). Eine publizistisch-philosohische Begründung des Bedeutungsjournalismus liefert Gans: Aus der Einsicht, daß Journalisten Medienwirklichkeiten konstruieren, leitet er die Forderung ab, daß diese Konstruktionen multiperspektivisch sein sollten, um einer Verzerrung der Berichterstattung zu begegnen. Damit die Vielfalt nicht als Beliebigkeit bei den Rezipienten ankommt, sollen die Journalisten Orientierungshilfe leisten: "When several perspectives must be taken into account on any given topic (…) journalists would be required to organize these perspectives and to relate and interpret them. When the news contains greater diversity of opinions from sources, additional journalistic commentary may also be desirable" (Gans 1992, 196.)

Auch deutsche Tages- und Wochenzeitungen, die sich mit einer Konzeptionsänderung neu im Medienmarkt positioniert haben, weisen einige Tendenzen auf, die in diese Richtung deuten und einen Wandel vom Nachrichten- zum Bedeutungsjournalismus signalisieren:

  • Es gibt zunehmend Textsorten, die den Standpunkt, die Perspektive des Berichterstatters ausdrückbar machen wie Feature und Reportage. Auch die sogenannte Magazingeschichte, mit ihrem Wechsel aus subjektiv-szenischen Textpassagen, Bericht- und Deutungsbestandteilen wird aus den Wochenmagazinen in die Tagespresse übertragen.
  • Es gibt vermehrt Übersichtsangebote für diachrone Zusammenhänge, wie Wochenrückschauen, Graphiken zur historischen Entwicklung eines Ereignisses oder Chronologien und Synopsen.
  • Es gibt vermehrt hintergrundorientierte Zusatzangebote, die synchrone Zusammenhänge eines Ereignisses verdeutlichen: Visualisierungen von Bestandsaufnahmen (Vgl. Abbildungen 6 bis 8). Die Südwest Presse hat vor kurzem eine tägliche feste Rubrik eingeführt: Das Stichwort zum Tage mit dem ein Begriff aus der aktuellen Berichterstattung erläutert wird, wie es die Süddeutsche Zeitung mit ihrem "Stichwort" schon seit langem tut. Auch eine ander Innovation im Textdesign dieser Tageszeitung, das sogenannte INFO (siehe auch Abschnitt 5), bietet die Möglichkeit, hintergrundsorientierte Erklärstücke an aktuelle Beiträge anzuhängen.
  • Es finden sich zunehmend Präsentationsformen, mit denen der Meinungsstreit im Blatt selbst ausgetragen wird: Der wöchentliche Streitfall in der Woche, in dem Stimmen und Positionen zu einer Frage der Woche präsentiert werden, jeweils mit Zustimmung, Ablehnung oder Neutralität gegenüber einer aufgestellten These markiert (z.B. "Die Macht der Mediengiganten muß schleunigst durch neue Gesetze beschnitten werden"). Das Pro und Contra zu einem bestimmten Thema, beispielsweise dem Thema Ladenschlußgesetz, oder die Sequenz Kommentar und Gegenkommentar, wie es beispielsweise die größte amerikansiche Tageszeitung, USA-today, täglich anbietet.
  • Stilistisch betrachtet hat sich das Texten subjektiv eingefärbt mit provokanteren, und zugespitzten Überschriften, variationsreicheren Formulierungen und perspektivischen Texteinstiegen.
  • Das in der Berichterstattung der elektronischen Medien dominierende Pyramidenformat für den Textaufbau wird aufgelockert und in ein Story-Format oder ein aufgebrochenes Berichtformat transformiert mit integrierten Reportage-Elementen und angefitschertem Texteinstieg. Der Berichterstatter wechselt dadurch zwischen auktorialem Erzähler und involviertem Erzähler hin und her.

Die Tendenz vom Informations- zum Bedeutungsjournalismus ist in vielen Redaktionen noch mehr Wunsch als Wirklichkeit. Vor allem in der Lokalberichterstattung, die weitgehend unabhängig von Agenturangeboten auskommen muß, haben sich die traditionellen Darstellungsformen aufgeweicht. Schon deshalb schlagen die eigenen Sichtweisen und Gestaltungsmöglichkeiten der Journalisten mehr durch. Zur Vermeidung einer babylonischen Textsortenverwirrung wäre es jedoch sinnvoll, funktional begründete Systematisierungarbeit zu leisten. Das hieße: Erstens eine Karthographierung der neuen Darstellungsformen wie der Magazingeschichte oder des Features. Und zweitens die funktionale Analyse von Bausteinen, mit denen traditionelle Darstellungsformen angereichert werden, wie beispielsweise die szenischen Inseln, der angefitscherten Einstieg, das eingebaute Erklärstück, oder der glossierende Schlußgag.

Die Tageszeitung - das älteste interaktive Medium

Angesichts der Vielfalt der aufgezeigten Tendenzen im Printjournalismus ist deren pauschale Diskreditierung als Torten- und Designerjouranlismus zumindest voreilig. Textdesign verhindert nicht, wie die Kritiker der alten Schule befürchten, den investigativen Journalismus, sondern kann ihn unterstützen. Textdesign ist aber auch keine Garantie für besseren Journalismus, denn dafür sind die Inhalte und die Themen entscheidend. Wie alle Werkzeuge kann man auch die Gestaltungs- und Layoutwerkzeuge sinnvoll oder unsinnig einsetzten oder zu ganz unterschiedlichen Zwecken. Textdesign bedeutet auch nicht das Ende von längeren Lesetexten - was beispielsweise die Woche oder die Wochenpost beweisen. Aber Textdesign hält Alternativen zu langen Texten bereit und provoziert damit die Frage, wo beispielsweise portioniert wird und wo nicht. Werturteile, Kommentare aber auch szenische Information und persönliche Stellungnahmen lassen sich nicht in Graphiken, Bildern und Tabellen auflösen. Aber Textdesign zwingt den schriftstellernden Journalisten vorab zum Überlegen: Welche journalistischen Absichten, welches Thema kann in welcher Form am leserfreundlichsten aufbereitet werden.

Im Grunde genommen setzen die aufgezeigten Entwicklungstendenzen konsequent den Wandel der Tagszeitung fort, den sie seit den ersten periodischen Wochenzeitungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts durchlaufen hat. Inhalt und Form der damaligen Zeitungen waren bestimmt durch die Produktionsbedingungen und nicht durch die Nutzungswünsche der Leser. Jede Zeitungsausgabe war für den Durchleser gemacht, der von Korrespondenz zu Korrespondenz, von Meldung zu Meldung weiterlas. Anhaltspunkte für eine selektive Lektüre, wie inhaltliche Überschriften oder Ressorteinteilungen, gab es keine; nicht einmal die Einzelbeiträge waren in jedem Fall in optisch erkennbarer Weise voneinander abgesetzt. Noch bis in das späte 19. Jahrhundert blieb diese additive Struktur der Tageszeitung nach Korrespondenzorten erhalten, und nur die Hauptbeiträge waren mit inhaltlichen Überschriften versehen. Die interaktive Nutzbarkeit der Tageszeitung, wie sie mit Überschrift, Vorspann, Rubriken und Ressorts möglich wurde, erfährt derzeit einen neuen Entwicklungsschub - auch diesmal bedingt durch veränderte Produktionsbedingnungen. Erst die elektronische Zeitungsherstellung am Bildschirm hat die Voraussetzungen geschaffen für flexiblen Umbruch, Variation der Schrifttypen, digitalisierte Bildbearbeitung,Verwendung von Farben sowie die Textproduktion auf Zeile. Die entscheidende Frage ist, wie man diese Gestaltungsmöglichkeiten für eine Erweiterung der interaktiven Nutzungsmöglichkeiten der Printmedien nutzen kann. Denn wenn in der Tageszeitung nur noch ein Viertel der Textbeiträge angeschaut, und davon dann 50 Prozent halb gelesen wird, kann man den selektiven Leser nicht mehr als Abart abtun, sondern muß ihn als den Normalfall betrachten.

Mit dem Anspruch der interaktiven Nutzbarkeit einer Tageszeitung erweitert sich auch der Begriff der Verständlichkeit. Es geht nicht mehr nur um die Aspekte einer verständlichen Textgestaltung wie syntaktische Komplexität, Wortwahl und Textkohärenz sondern auch um:

  • die adäquate Verteilung der Information auf die drei Informationskanäle Text, Graphik und Bild,
  • die Segmentierung komplexer Themen und die Portionierung der Information auf verschiedene Bausteine eines Berichterstattungsclusters,
  • die Kohärenzsicherung eines Clusters durch Brückentexte, Integrationstexte sowie typographische Strukturierung und Hierarchisierung,
  • die Sicherung der Blatt-Transparenz durch Orientierungselemente wie Farbleitsysteme, Inhaltshinweise, Querverweise, Rubrikenköpfe, Logos usw.
  • die Anreicherung der Ereignisberichterstattung durch Orientierungsbeiträge, Hintergrundinformation zur Einordung der aktuellen Themen und Ereignisse in weitergehende historische, politische, gesellschaftliche Zusammrenhänge.

Mit der Anwendung der aufgezeigten textdesignerischen Mittel entsteht jedoch ein grundsätzliches Problem, wie es für das Fernsehen schon beschrieben wurde (Vgl. Püschel 1992, 250ff): Je mehr Elemente verwendet werden, desto notwendiger werden die Moderationsleistungen, die den Einsatz dieser Elemente für die Zuschauer verständlich machen. Diese Moderationsleistung wird derzeit in den Printmedien nicht immer hinreichend wahrgenommen und für sie gilt es, die entsprechenden Lösungen zu entwickeln.

Literatur

Adams Stuart: Notes towards a Definition of Journalism. Understanding an old craft as an art form, Poynter Papers No. 2, 1993.
Berg, K./ Kiefer, M.-L.: Massenkommunikation IV. Eine Langzeitstudie zur Mediennutzung und Medienbewertung 1964-1990, Baden-Baden 1992.
Blum, J. / Bucher H.-J.: Textdesign in der Tageszeitung (6 Folgen) In: Sage & Schreibe 7/1994 ff.
Bucher, H.-J.: Pressekommunikation. Grundstrukturen einer öffentlichen Form der Kommunikation aus linguistischer Sicht, Tübingen 1986.
Bucher, H.-J.: Wegmarkierungen auf dem Lesepfad. In: Sage & Schreibe 8/1994, 38-41.
Gans, Herbert J.: Mulitperspectival news, In: Cohen, Elliot, D. (ed.): Philosophical issues in journalism, New York/ Oxford 1992, 196.
Hoffmann, H. (Hg.): Gestern begann die Zukunft. Entwicklung und gesellschaftliche Bedeutung der Medienvielfalt, Darmstadt 1994.
Noelle-Neumann, E./ Schulz, R.: Junge Leser für die Zeitung. Bericht über eine vierstufige Untersuchung, Bonn 1993.
Postman, Neil: Das Technopol. Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft, Frankfurt 1992.
Poynter Institute for Media Studies: Eyes on the News, St. Petersburg FL 1991.
Prabu, D.: Accuracy of visual perception of quantitative graphics: An exploratory study. In: Journalism Quarterly 1992, Vol. 69, No.2, 273-292.
Rager, G./ Müller-Gerbes, S./ Haage, A.: Leserwünsche als Herausforderung. Neue Impulse für die Tageszeitung, Bonn 1994.
Rosen, J.: Community Connectedness: Password for public journalism, St. Petersburg, Forida, 1993.
Sandbothe, M./W C. Zimmerli (Hg.): Zeit - Medien - Wahrnehmung, Darmstadt 1994.
Schnibben, C.: Reklamerepublik. Seltsame Berichte zur Lage der vierten Gewalt, Hamburg 1994.
Spiegel Spezial 1/1995: Die Journalisten.
Ward, D.: The effectiveness of sidebar graphics. In: Journalism Quarterly 1992, Vol. 69, No.2, 318-328.
Willemsen, R.: Nachrichten von Nirgendwo. In: Monkenbusch, H.(Hg.): Fernsehen - Medien, Macht, Märkte, Hamburg 1994, 26-37.

Quelle

Dieser Beitrag erschien in: Hess-Lüttich/Holly/Püschel (Hg.): Textstrukturen im Medienwandel, Frankfurt/M. 1996

Über den Autor Hans-Jürgen Bucher

Hans-Jürgen Bucher ist Professor an der Universität Trier. Seine Schwerpunkte sind: Mediensprache und Medienkommunikation, Produktions- und Produktanalyse, Print- und Online-Journalismus, Medienrezeption, Theorien der Medienwissenschaft, Theorien des Journalismus, empirische Methoden der Medienforschung, Visualisierung und Verständlichkeit, Mediengeschichte, Medienkritik, Textdesign, Wissensvermittlung in hypermedialen, non-linearen Kommunikationsformen.

Weitere Informationen und eine Publikationsliste finden Sie auf seinem Forschungsprofil.