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Barth, Christof (1998). Politische Fernsehdialoge zwischen Information und Unterhaltung : Eine sprachwissenschaftliche Analyse des Interviews in ZAK. In: Klingler, Walter; Roters, Gunnar; Zöllner, Oliver (Hg.). Fernsehforschung in Deutschland : Themen, Akteure, Methoden. (333-346). Baden-Baden: Nomos. Online-Publikation: www.medien-
wissenschaft.de/
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fernsehdialoge.html (Abruf: Datum).

Politische Fernsehdialoge

Einleitung

In der Medienforschung lassen sich je nach Reichweite der berücksichtigen Kommunikationszusammenhänge zwei grundlegende Forschungsbereiche unterscheiden: Die Erforschung der Makro- und die der Mikrostrukturen. Die gesellschaftliche Bedeutung der Medien hat zur Folge, dass die Makrostrukturen im Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit stehen, wenn es beispielsweise um Fragen der Medienwirkungen oder um inhaltsanalytische Befunde der Medienangebote geht. Allerdings gibt es auch Forschungsfragen, die sich auf der Makroebene der Medienkommunikation nicht mehr sinnvoll beantworten lassen. Solche Fragen betreffen beispielsweise die Qualität und die Optimierung von Medienangeboten, die schrittweise Modifikation von Sendungskonzepten, oder aber exemplarische Rezeptionsstudien zu ganz bestimmten Sendungen. Ansätze, die sich mit solchen mikrostrukturellen Zusammenhängen der Medienkommunikation befassen, werden auch mit dem Etikett der qualitativen Methode versehen. (1)

Die folgende Studie steht in dieser Tradition. Sie will ein Verfahren und einen theoretischen Hintergrund vorstellen, mit der Gesprächsstrategien und Qualitäten von Dialogsendungen analysiert werden können. Gegenstand der Analyse ist die Sendung "ZAK", mit der die ARD einen neuen Sendungstyp kreierte, der politische Information und Unterhaltung verbinden sollte. Problemhorizont der Analyse ist die Frage, welche Konsequenzen eine solche duale Absicht für die Sendungsgestaltung hat. Die öffentliche Diskussion um den Interview-Teil in der Harald-Schmidt-Show oder um die Zuschauerangemessenheit der Dialogsendungen zur Bundestagswahl zeigt die Brisanz und Relevanz dieser Frage. Insofern ist "ZAK" ein exemplarischer Vorläufer solcher Konzepte. Der Versuch, Unterhaltsamkeit und Informativität zu verbinden, zeigt sich besonders deutlich in den Gesprächsstrategien von Moderator und Gästen.

Ein Generalbefund von Medienwissenschaftlern zu Gesprächen im Fernsehen lautet, dass gezielte Provokationen als Gestaltungsprinzip zunehmen (2). Konfrontative Konzepte sollen unterhaltsame Sendungen garantieren und damit ein Gegenmodell gegen die "Langeweile" öffentlich-rechtlicher Sendungen konstituieren - wie es RTL einmal formulierte. Vorreiter und Protagonist einer solchen Entwicklung war die Sendung "Der heiße Stuhl" (3).  In der Sendung mußte ein bekannter Gast auf einem großen Stuhl sitzend eine provokante These gegen mehrere Kritiker verteidigen. Besonderheit der Sendung war die Rolle des Gastgebers, dessen Aufgabe nicht in der Moderation, sondern im Anfeuer und Provozieren seiner Gäste bestand. Solche Strategien der Gesprächsführung sollten den Einsatz eingeübter Sprechblasen von vornherein verhindert. Die kommunikative Eskalation der Sendungen ließ schon bald die Etikette vom "Krawallfernsehen" (4) aufkommen. Eine kritische Betrachtung der Show zeigte allerdings, dass die Sendung ihre selbst aufgestellten Forderungen nicht einlöste (5).

Ein vergleichbares Ziel, nämlich festgefahrene Formen von Fernsehgesprächen zwischen Journalisten und Politikern aufzubrechen, verfolgte auch das öffentlich-rechtliche Polit-Wochenmagazin "ZAK". Die Sendung startete 1988 auf West 3 und wurde seit 1993 aufgrund ihres Erfolges am Sonntagabend im Ersten Programm der ARD ausgestrahlt (6). Umrahmt von Puppensketchen und Filmbeiträgen zu verschiedenen Themen führte Friedrich Küppersbusch (7), der das Magazin von 1990 bis zur Einstellung der Sendung 1995 moderierte, ein Interview mit einem Studiogast.

Die Gesprächsführung von Friedrich Küppersbusch wurde kontrovers diskutiert: Die Leute störten sich an seiner alltagssprachlichen Wortwahl, an seinen konfrontativen Fragestrategien und an seinen Provokationen: Ein Interview mit dem früheren Bundesinnenminister Rudolf Seiters begann Küppersbusch zum Beispiel mit "Ihr Bruder heißt Adolf, Sie heißen Rudolf. Und wie waren Ihre Eltern sonst so?"

Wenn Journalisten Küppersbusch nach seinen Interviewstrategien fragten, betonte er vor allem den Überraschungseffekt: "Diese übertrainierten Gesprächssportler muß man überraschen. Man muß etwas ansprechen, wo sie nichts Vorbereitetes sagen können" (8). Für eine kritische Beurteilung der Interviews und der darin angewandten Strategien nach wissenschaftlichen Kriterien reicht diese Einschätzung nicht aus. Fragen nach der journalistischen Produktivität der Provokationen und die Frage, ob die Interviews - wie die Gespräche beim "Heißen Stuhl" - bloß heiße Luft sind oder dem Zuschauer mehr bieten als hitzige Debatten, können nur durch eine intensive Analyse der Interviews beantwortet werden. Angesichts der vielen gescheiterten konfrontativen Informationskonzepte (9) muß auch für "ZAK"-Interviews die Frage gestellt werden, was das Interviewkonzept Küppersbuschs - gemessen an journalistischen Kriterien - brachte.

Dieser Fragestellung will der vorliegende Beitrag nachgehen. Indem exemplarisch einige charakteristische Unterschiede zwischen "ZAK"-Interviews und herkömmlichen Interviews herausgearbeitet werden, wird deutlich, mit welchen Strategien ein Interviewer seine Absicht, seinen Gästen Neues, Überraschendes zu entlocken, umsetzt. Gleichzeitig arbeitet der Beitrag heraus, auf welche Schwierigkeiten ein Interviewer mit solchen Gesprächsstrategien bisweilen stößt.

Dabei stehen folgende Aspekte im Mittelpunkt: Die Fragestrategien von Küppersbusch, seine dialogische Behandlung der Antworten und Entgegnungen seiner Gäste, sowie die Kommunikationsprinzipien, nach denen die Gespräche in "ZAK" geführt werden.

Methoden zur Analyse von Mediendialogen

Für die Analyse von Mediendialogen haben sich zwei Forschungsansätze etabliert: die linguistische Kommunikationsanalyse und die ethnomethodologische Konversationsanalyse. Beide Forschungsrichtungen analysieren aufgezeichnete Kommunikationsereignisse. Sie berücksichtigen dabei die jeweiligen Besonderheiten der Kommunikation, wie beispielsweise Zusammenhänge mit anderen Kommunikationen oder Besonderheiten bestimmter Kommunikationsformen aufgrund institutionalisierter Regeln, wie sie weiter unten erläutert werden. Diese besonderen Bedingungen werden in vielen medienwissenschaftlichen Untersuchungsansätzen anderer Disziplinen höchstens am Rande in das Forschungsdesign einbezogen. (10)

Die linguistische Kommunikationsanalyse untersucht sprachliche Äußerungen als eine Form des sozialen Handelns. Kommunikation wird dabei verstanden als regelhafte Abfolge von Handlungssequenzen, wie sie auch bei nichtsprachlichen Handlungen zu beobachten sind. In Anlehnung an die Spieltheorie werden einzelne Sprachhandlungen auch als Spielzüge bezeichnet, in deren Abfolgemuster Strategien erkennbar werden. In Abgrenzung zur Sprechakttheorie, die nur isolierte sprachliche Akte berücksichtigt, beschreibt die linguistische Kommunikationsanalyse die in einer Dialogsituation realisierten Handlungsmöglichkeiten, die dabei verwendeten sprachlichen Mittel, und die spezifischen Zusammenhänge zwischen den Äußerungen verschiedener Dialogpartner. (11) Eine wichtige Rolle bei der Analyse von Dialogen spielen Wissensvoraussetzungen und das gemeinsame Wissen der Kommunikationsteilnehmer. Es charakterisiert Fernsehdialoge als spezifische Kommunikationsform, daß diese Wissenskonstellationen besonders komplex sein können: Moderator, Gast, Studiopublikum und Fernsehpublikum können über sehr unterschiedliche Wissensvoraussetzungen verfügen, und damit unterschiedliche Grade des Verstehens von Fernsehgesprächen entwickeln. Auch die Frage der Verständlichkeit von "ZAK"-Sendungen hängt entscheidend von diesen Wissenskonstellationen ab.

Die ethnomethodologische Konversationsanalyse hat sich aus der verstehenden Soziologie entwickelt und deren Programmatik auf die Analyse von Gesprächen übertragen. Infolgedessen besteht ihr Ziel darin, diejenigen Verfahren zu rekonstruieren, mit denen Gesellschaftsmitglieder soziale Ordnungen und Strukturen schaffen. Diese werden als dynamisch begriffen in dem Sinne, daß sie im Handlungsvollzug erst erzeugt werden. Auf Fernsehinterviews übertragen bedeutet dies: Was ein Fernsehinterview als soziale Ordnungsform ausmacht, schaffen die Beteiligten - Interviewer, Gast, Publikum und Zuschauer - dadurch, daß sie nach bestimmten Regeln und Prinzipien handeln. In der ethnomethodologischen Konversationsanalyse wurden dementsprechend vor allem solche Aspekte von Gesprächen analysiert, in denen sich deren Geordnetheit besonders deutlich zeigt: Bei der Organisation des Sprecherwechsels, bei der Eröffnung und Beendigung von Gesprächen oder dem Themenwechsel. (12) Insbesondere im Hinblick auf Interviews hat sich das Instrumentarium der ethnomethodologischen Konversationsanalyse als Forschungsmethode etabliert. Ihrer Schule sind viele wichtige Beiträge der neueren Interviewforschung verpflichtet. (13) Auf Ihre Erkenntnisse geht auch die nachfolgende Formulierung von Grundbedingungen zurück, denen Interviews unterliegen und die bei einer wissenschaftlichen Betrachtung von Interviews zu beachten sind. (14)

Interviews sind eine Form institutionalisierter Kommunikation, die sich beispielsweise dadurch auszeichnet, daß die Zugmöglichkeiten für die Kommunikationsteilnehmer beschränkt sind. Die Rollen sind für die Teilnehmer vorgegeben und zudem komplementär verteilt. Dementsprechend führt ein Partner (der Interviewer) überwiegend Fragehandlungen aus, die er jeweils für sein Publikum für interessant und relevant hält. Der andere Kommunikationsteilnehmer (der Interviewte) hingegen vollzieht überwiegend Antwort oder Entgegnungshandlungen. (15) Interviewer haben zusätzlich das Recht, die Sprecherrolle zuzuteilen beziehungsweise das Rederecht zu entziehen sind also Gesprächsführer. Entsprechend den für Fernsehinterviews geltenden journalistischen Prinzipien sorgen die Interviewer üblicherweise dafür, daß sie in bewertenden oder strittigen Äußerungen ihre Neutralität rechtfertigen können.

Die Tatsache, daß es sich bei Fernsehinterviews um medial vermittelte Kommunikation handelt, zieht weitere spezifische Kommunikationsbedingungen nach sich. Mit dem für Zuschauer geführten Interview entsteht eine besondere Adressierungssituation: die Gesprächspartner müssen ihre Äußerungen einerseits an ihr Gegenüber, andererseits an die Zuschauer der Sendung richten (Mehrfachadressierung).

Analyse der Interviews

Medieninterviews sind für Personen des öffentlichen Lebens insofern riskant, als sie sich öffentlich auf bestimmte Behauptungen, Meinungen und Einstellungen festlegen. Bei einer späteren Meinungsänderungen können daraus Unverträglichkeiten entstehen. Insofern ist es strategisch naheliegend, daß Personen des öffentlichen Lebens diese Festlegungen weitestgehend zu kontrollieren versuchen - also riskanten Festlegungen ausweichen. Für die Journalisten liegt die Attraktivität politischer Interviews aber gerade darin, den Interviewten Äußerungen mit möglichst weitreichenden Festlegungen zu entlocken. Hieraus entsteht ein struktureller Interessenskonflikt, der von beiden Seiten strategisch bearbeitet werden muß: Journalisten müssen Verfahren entwickeln, um möglichst weitreichende Äußerungen zu erzielen, ohne dabei aber mit den Interviewten in einen offenen Konflikt zu geraten. Die Interviewten dagegen müssen versuchen, problematische Festlegungen zu vermeiden, allerdings ohne dabei unkooperativ und unkommunikativ zu wirken. Die Ritualisierung vieler Fernsehinterviews hat in diesem Strategiedilemma ihren Ursprung. (16)

Das Sendungskonzept von "ZAK" und die Interviewstrategie von Küppersbusch sind ein Versuch, solche Ritualisierungen aufzubrechen. Für die Analyse ergeben sich daraus folgende Fragen: Mit welchen Fragestrategien begegnet Küppersbusch seinen Gästen? Wie verhindert er, daß sie kommunikativ ausweichen, also Festlegungen vermeiden? Wie stellen sich die Gäste auf Küppersbusch Interviewstrategien ein?

Fragestrategien

Eine Möglichkeit des Moderators, Interviewpartner zu verunsichern oder unter Druck zu setzen sind Überraschungen: Sie werden mit Äußerungen konfrontiert, die sie nicht erwartet haben. Eine Möglichkeit, diese Strategie umzusetzen sind sogenannte geladene Fragen (17), in denen provozierende Voraussetzungen gemacht werden, die der Interviewte nicht unerwidert lassen kann. Er muß sie bearbeiten, um unliebsamen Festlegungen zu entgehen, die ihm im weiteren Verlauf des Interviews Schwierigkeiten bereiten könnten. Insofern schränken geladene Fragen den Beantwortungsspielraum des Interviewten ein. Das nachfolgende Textbeispiel (Beispiel 1) illustriert die Funktionsweise der geladenen Fragen.

Beispiel 1: Interview vom 28. März 1993 (18)
Kü = F. Küppersbusch, Bo = J. Borchert

1

Kü:

Herr Borchert Guten Abend.

2

Bo:

Schön guten Abend Herr Küppersbusch.

3

Kü:

Sie sind, das wird ja auch immer wieder gerne beschrieben, nach Ertl und nach Kiechle der

4

 

erste, der schon so aussieht als würd's ihm nicht schmecken.

5

Bo:

Oh, Ich ess' aber gern!

6

Kü:

Ja was denn?

Mit seiner Behauptung (Zeile 3f.) impliziert Küppersbusch, Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert sei ein Minister, der die Produkte derer, die er vertritt, nicht konsumiert und Landwirte infolgedessen nicht adäquat vertreten könne. Borchert kann diese Voraussetzungen nicht akzeptieren und beginnt, diese zu bearbeiten - sogar noch bevor die eigentliche Frage gestellt werden konnte. Wie sorgfältig der Überraschungseffekt mitunter aufgebaut wird, läßt sich anhand einer Sequenz aus einem Interview mit dem Chefredakteur der Zeitschrift "Focus", Helmut Markwort, zeigen.

Anhand des nachfolgend abgedruckten Auszugs aus dem Interview mit Markwort (Beispiel 2) läßt sich das von Küppersbusch auf mehrere Züge angelegte Vorgehen herausarbeiten: Scheinbar harmlos beginnend mit einer Frage nach einem auf dem Titel angekündigten Schwerpunktthema im tags darauf erscheinenden Heft seiner Zeitschrift, spitzt sich der Dialog innerhalb von fünf Zügen Küppersbuschs (Zeile 1 - 18) auf die entscheidende Frage zu: enthält Focus tatsächlich - wie der Werbeslogan vermittelt - nur "Fakten, Fakten, Fakten", außer Acht lassend, daß bereits der Themenauswahl und -aufbereitung eine bestimmte Sichtweise zugrundeliegt?

Beispiel 2: Interview vom 27. März 1994
Kü = F. Küppersbusch, Ma = Helmut Markwort

1

Kü:

Ihre Schlagzeile auf dem Titel morgen zu den Kurden ist?

2

Ma:

Ja, wir hamm das Thema ganz groß drin und wir hamm's auch auf dem Titel angekündigt,

3

 

aber ich weiß die Schlagzeile jetzt nicht genau auswendig, ja.

4

Kü:

"So macht die PKK den Terror"

5

Ma:

So macht die - ja gut

6

Kü:

Ne gute?

7

Ma:

Mmh, ich find's absolut zutreffend und ich finds auch richtig, daß sie unterscheiden zwi-

8

 

schen gewaltfreien Kurden und PKK. Is ja ne kriminelle Vereinigung. F-Focus hat das schon

9

 

selber erlebt, also das sind Terroristen und das-

10

Kü:

Wäre d-die Meldung - Entschuldigung - für morgen "Deutsche Waffen töten Kurden in der

11

 

Türkei" auch gut?

12

Ma:

Also das is - dafür gibts keinen aktuellen Anlaß. Wir hamm über die Situation der Kurden

13

 

schon ausführlich berichtet, aber der aktuelle Anlaß ist natürlich jetzt die Gewalt auf deut-

14

 

schen Straßen gewesen.

15

Kü:

Ja, aktuell. Also es sind sechzig Deutsche in der Türkei verhaftet, die Wahlkampf beobachten

16

 

wollten. Es hat aktuell auch wieder militärische Einsätze gegeben. Kern ist-

17

Ma:

Also die -

18

Kü:

-wieviel Meinung ist in ihrer Meldung?

19

Ma:

Es ist keine Meldung, es ist eine Vier-Seiten-Geschichte und da drin ist auch ein Kasten über

20

 

die Zustände über die Situation der Kurden in der Türkei. Es ist doch ganz selbstverständ-

21

 

lich.

22

Kü:

Ja, ist klar. Aber Ihr Aufmacher, die Tendenz hamm wir ja eben-

23

Ma:

Ja natürlich - ja - is ja völlig-, aber wir hamm ja

24

Kü:

-festgestellt, is "So organisieren wir den Terror"

25

Ma:

die Situation der Kurden in der Türkei schon x-mal gebracht. Nur jetzt hamm wir ja das

26

Ma:

Thema, daß die PKK kriminell auftritt bei uns.

27

Kü:

Das Thema setzen Sie. Also nochmal die Frage: Wieviel Meinung ist in-

28

Ma:

Nein, das setz- ich nicht, das setzen

29

Kü:

-der Meldung?

30

Ma:

Das setzen-, das is keine Meldung - ist ein großer Bericht, in der sehr viele Informationen

31

 

drin sind.

32

Kü:

Ih-Ihr, ihr Logo soll ja sein, Sie sind das Nachrichtenmagazin,

33

Ma:

Ja.

34

Kü:

andere sind Meinungsmagazine.

35

Ma:

Richtig

36

Kü:

So. Wieviel Meinung ist in Ihren Nachrichten, zum Dritten?

37

Ma:

Ich glaube, daß diese Zeile die Situation treffend wiedergibt. Natürlich ist 'ne Überschrift

38

 

immer eine Raffung, eine Zusammenfassung, und dann können Sie vier Seiten Text dazu

39

 

lesen.

40

Kü:

Es ist also Meinung drin?

41

Ma:

Natürlich.

Um seinen Interviewpartner Markwort zu dem Zugeständnis zu bringen, auch in Focus würden Meinungen vertreten und vermittelt werden, benötigt Küppersbusch insgesamt neun Züge. Erst im fünften Zug, als Küppersbusch sagt "Kern ist ... wieviel Meinung ist in Ihrer Meldung?", wird seine wahre Frageintention für Markwort und das Publikum deutlich. Mit den bis dahin gestellten Fragen, hat Küppersbusch seinen Gesprächspartner Zug um Zug auf mehrere Dinge festgelegt, die für Markwort den Spielraum bei der Beantwortung nachfolgender Fragen zunehmend einengen. Die wichtigsten Festlegungen sind im einzelnen:

Tabelle 1: Festlegungsübersicht zu Beispiel 2

Abschnitt Festlegung
Zeile 1-5 Die Schlagzeile auf dem Focus-Titel lautet "So macht die PKK den Terror"
Zeile 6-9 Die Schlagzeile ist zutreffend und setzt PKK und Kurden nicht gleich
Zeile 10-14 Die Schlagzeile "Deutsche Waffen töten Kurden in der Türkei" ist eine Alternative, es gibt allerdings keinen aktuellen Anlaß dafür
...  
Zeile 27-31 das Thema wird von Focus gesetzt
Zeile 32-35 Focus ist das Nachrichtenmagazin, andere sind Meinungsmagazine
Zeile 37-40 Überschriften sind eine Raffung, eine Zusammenfassung
Zeile 41-42 Auch Focus enthält Meinungen

Indem sich Markwort mit der Schlagzeile auf dem Titelblatt des Heftes identifiziert (Zeile 1 bis 9) und Vorschläge, die eine andere Sichtweise voraussetzen, abgelehnt hat (Zeile 10 bis 14), hat er sich selbst auf die in seinem Magazin vorgeschlagenen Sichtweise festgelegt. Der Punkt, auf den Küppersbusch eigentlich hinaus will, ist jedoch damit noch nicht angesprochen, wie in Zeile 16ff. deutlich wird. Ist die eigentliche Frage dann gestellt, geht Küppersbusch über zur Strategie des Insistierens. Daß die zuvor gemachten Festlegungen Voraussetzung für das Insistieren sind, wird aus dem Dialog selbst deutlich ("... hamm wer ja eben festgestellt ...", Zeile 22 bis 24). Da die bis dahin erreichten Festlegungen offensichtlich nicht ausreichen, das gesuchte Zugeständnis zu erzielen, versucht Küppersbusch neue Festlegungen zu verankern, um so den Spielraum Markworts weiter einzuschränken (Zeile 32 bis 36). Zusätzlich schränkt er seine Frage in ihrer Reichweite ein. Küppersbusch fragt nicht mehr, wieviel Meinung enthalten sei, sondern nur noch, ob Meinung enthalten sei. Im neunten Zug erreicht er schließlich das gewünschte Zugeständnis von Markwort.

Diese Sequenz zeigt ein Muster, das sich in ähnlicher Form auch in anderen Interviews von Küppersbusch findet: Bei einem harmlos scheinenden Thema wird den Interviewten der Beantwortungsspielraum Stück für Stück eingeengt, indem sie Stellung zu unterschiedlichen Aspekten des vorgeblich unverfänglichen Themas beziehen sollen. Sind genug Festlegungen erreicht, läßt eine thematische Wende dem Interviewten kaum mehr Spielraum für die Anwendung der gängigen Interviewtenstrategien, etwa der Frage auszuweichen.

Das Verfahren ist insbesondere deshalb so trickreich, weil es ein Interviewteninteresse ausnutzt: die imagefördernde Selbstdarstellung. Die Einstiegsfragen sind leicht zu beantworten und bieten dem Interviewten vordergründig Spielraum zur Imagepflege. Erst allmählich erweisen sie sich als gefährlich, ihre Relevanz unter journalistischen und politischen Gesichtspunkten wird erst im Dialogverlauf deutlich. Gesprächspartner, die diese Strategie erkannt haben, lassen es infolgedessen erst gar nicht zu Festlegungen kommen.

Der folgende Dialogausschnitt aus einem Interview mit Oskar Lafontaine ist dafür ein Beispiel. Er zeigt auch, wie leicht die Interviewstrategie von Küppersbusch in Rechthaberei umschlagen kann. Die Schwierigkeit, den Dialogverlauf in der Transkription nachzuvollziehen, ist ein Beleg für die komplexen Dialogzusammenhänge und die spezifischen Wissensvoraussetzungen, die beide Partner machen.

Im nachfolgend dargestellten Ausschnitt (Beispiel 3) - aus einem am Sonntag vor der Bundestagswahl 1994 geführten Interview - versucht Küppersbusch, von Lafontaine eine Stellungnahme zu einer anstehenden Mehrwertsteuererhöhung zu erhalten. Zwar setzt Lafontaine zur Beantwortung der Frage an, versucht dann aber selbst das Thema zu wechseln, was Küppersbusch allerdings verhindert. Als Küppersbusch auf das Thema "Mehrwertsteuer" zurückkommt, versucht Lafontaine auszuweichen, indem er implizit gemachte Annahmen ignoriert. Obwohl Lafontaine sich bereits zur Mehrwertsteuererhöhung äußerte, gibt er nun vor, nicht zu wissen, auf welche Mehrwertsteuererhöhung Küppersbusch sich bezieht.

Während Küppersbusch auf dem Thema "Mehrwertsteuererhöhung" beharrt und den Spielraum des Interviewten Zug um Zug mit weiteren stichwortartigen Argumenten einengt, versucht Lafontaine ein weiteres Mal eine Ausweichstrategie anzuwenden. Lafontaine weicht Küppersbuschs Insistieren, ob die SPD in einer Koalition eine Mehrwertsteuererhöhung eventuell mittragen wurde wiederum aus, indem Lafontaine nun wissen will, in welcher Funktion er gefragt wird. Nachdem Lafontaine der Frage, ob die SPD nach der Bundestagswahl die Mehrwertsteuer erhöht, zunächst ausweicht, kommt Küppersbusch auf die Ausgangsfrage zurück.

Beispiel 3: Interview vom 9. Oktober 1994
Kü = F. Küppersbusch, La = Oskar Lafontaine

1

Kü:

Also meine Frage war nach der Mehrwertst- die Mehrwertsteuererhöhung ist von Herrn

2

 

Schäuble als Vorschlag eingebracht worden und da hat Herr Scharping gesagt, das sei erwä-

3

 

genswert. Also kommt die nu?

4

La:

Ah, Sie meinen jetzt für die Zukunft?

5

Kü:

Hja

6

La:

Ich dachte, Sie reden vom Bundesrat und der letzten Mehrwertsteuererhöhung, nein in der

7

 

Zukunft.

8

Kü:

Die war auch Klasse, aber jetzt reden wir über die nächste.

9

La:

Das is ja das Problem, äh, ich bin dankbar für das Stichwort, daß eben -

10

Kü:

Zukunft- gern geschehen.

11

La:

die Koalition sich weigert ihre Steuerpläne bekanntzugeben (...)

12

Kü:

Nicht um Unternehmenssteuern zu senken, aber die Frage is: Machen Sie's mit, im europäi-

13

 

schen Vergleich ja möglich-

14

La:

Wir - wir hamm -

15

Kü:

-Argumente sind alle bekannt, Mineralölsteuer erhöhen wollen Sie selber.

16

La:

- wir - nein, nein, wir haben klar genug - nicht alles durcheinanderwerfen-

17

Kü:

Also Mehrwertsteuererhöhung Ja? Oder ja?!

18

La:

Nicht all-, nicht nicht, nicht nicht alles durcheinanderwerfen, also ich habe klar gesagt, daß

19

 

wir eine Mehrwertsteuererhöhung nicht vorschlagen werden, eindeutig.

20

Kü:

Nicht vorschlagen, nicht mitmachen?

21

La:

Nich vorschlagen werden, wenn wir in der Bundesregierung sind, müssen wir vorschlagen,

22

 

sonst kommt sie nicht.

23

Kü:

Ist klar, aber wir reden ja jetzt auch zum Beispiel über die Art von Politik, wie sie bisher

24

 

gemacht wurde. Ist noch nicht ganz auszuschließen - würden Sie mitmachen, zum vierten

25

 

Mal?

26

La:

Äh, als was fragen Sie mich, äh, zum ersten Mal?

27

Kü:

Als prominenten Spezialdemokraten.

28

La:

Ja, und in welcher in welcher Funktion würde ich sie mitmachen oder nich? Wir müssen ja

29

 

schon korrekt sein.

30

Kü:

Etwa als Landesvorsitzender, als Finanzminister, was ein Mensch Oskar Lafontaine-

31

La:

Ach, Sie meinen, wird sind-

32

Kü:

mit einem irren Sachverstand.

33

La:

Sehen Sie, als Finanzminister geb ich Ihnen eine klare Antwort, als Finanzminster einer

34

 

Bundesregierung wird sie nicht vorgeschlagen, damit ist sie nicht möglich.

35

Kü:

einer großen Koalitionsregierung ...

36

La:

Ich dachte, Sie könnten vielleicht fragen, wie ist das mit einem Ministerpräsidenten. Da sag'

37

 

ich Ihnen auch 'ne klare Auffassung, daß wir nicht zustimmen werden.

38

Kü:

Ich überlege mir jetzt, ob ich Sie das frage. Nach'm nächsten Take sag ich Ihnen das.

39

 

Danke!

Durch konsequentes Ausweichen gegenüber den Fragen beziehungsweise durch Zurückfragen (dem Absichern von eigentlich klaren Wissensvoraussetzungen) unterläuft Lafontaine die Frageintentionen von Küppersbusch. Das "Interview" nähert sich dialogischen Kommunikationsformen an, in denen die Rollenverteilung nicht mehr interviewtypisch geregelt ist. Zwar versucht Küppersbusch weiterhin, seine Strategie des Insistierens anzuwenden, was in der Diskussion über welche Mehrwertsteuererhöhung geredet wird (zum Beispiel Zeile 1 bis 8) beziehungsweise in der Diskussion, in welcher Funktion Lafontaine antworten soll (Zeile 26 bis 32) sichtbar wird. Angesichts von Lafontaines ausweichenden Rückfragen, verliert Küppersbuschs Strategie jedoch ihre Wirkung auf der journalistischen Ebene. Auf einer anderen Ebene, der Ebene der Unterhaltsamkeit gewinnt der Dialog jedoch eigene Qualitäten. Beide Gesprächspartner spielen mit den Regeln der Kommunikationsform Interview und inszenieren Pointen auf einer Meta-Ebene. Nicht jeder Gast kann oder will sich jedoch auf eine solche Ebene einlassen.

Daraus resultieren mehrere Risiken einer solchen insistierenden Interviewstrategie: der Interviewer wirkt rechthaberisch, der Inteviewte gerät in die Defensive mit drohendem Imageverlust. Für die Zuschauer verliert das Interview sowohl Unterhaltungs- als auch Informationswert, weil sie dem Dialog nicht mehr folgen können.

Inszenierte Pointen und der spielerische Umgang mit Regelverstößen führen zu einem Unterhaltungswert auf höherer Ebene mit der Einschränkung, daß der Unterhaltungsgrad stark abhängig vom Wissenstand der Zuschauer ist. Dies läßt sich beispielsweise in einem Interview mit Monika Wulf-Mathies zeigen, in dem Küppersbusch versucht, von ihr eine Stellungnahme in einer Funktion zu erhalten, die sie gar nicht innehat.

Beispiel 4: Interview vom 30. Januar 1994
Kü = F. Küppersbusch, Wu = Monika Wulf-Mathies

1

Kü:

Was sacht denn die DGB-Vorsitzende zu der Entlassung von zehn Prozent im DGB selber?

2

Wu:

Ich bin nicht DGB-Vorsitzende und will's auch nicht werden.

3

Kü:

Scheiße, ich dachte das klappt, ich dacht es-

4

 

Nein.

5

Bo:

Und was sagen Sie zu der Entlassung?

Wer um das Verhältnis zwischen DGB und ötv nicht Bescheid weiß, dem entgeht die Pointe. Monika Wulf-Mathies belächelt im Wissen um den Stellenwert der Provokation den versuchten Trick augenzwinkernd, während sie ihre Antwort gibt.

Spiel mit Kommunikationsprinzipien

Damit Verständigung in der Kommunikation funktioniert, müssen die Partner bestimmte Prinzipien einhalten. Das ist kein sozialer Imperativ sondern eine conditio sine qua non, worauf der Sprachphilosoph Paul Grice hingewiesen hat. (19) Ohne daß ein übergeordnetes Kooperationsprinzip und davon abgeleitetete Maximen eingehalten werden, ist überhaupt keine Kommunikation möglich. Zum Grice'schen Maximenapparat gehören:

  • Die Maxime der Informativität
  • Die Maxime der Wahrhaftigkeit
  • Die Maxime der Relevanz
  • Die Maxime der Klarheit.

Provozierende Antwortbewertungen

Nach den Fragestrategien stehen im letzten Teil der Analyse Antwortbewertungen im Mittelpunkt. Offene Antwortbewertungen sind in traditionellen Interviews selten, da die Interviewer damit ihre Neutralität aufgeben. Küppersbusch hingegen setzt sie relativ häufig ein.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, solche Bewertungen zu äußern, beispielsweise durch alltagssprachlichen Kommentierungen, durch Interjektionen oder durch Ironie. Alltagssprachliche Kommentierungen sind eine offensichtliche Art, die Äußerungen der Interviewten zu bewerten. So kommentiert Küppersbusch etwa Lafontaines Erläuterungen zur Neufassung des saarländischen Pressegesetzes mit dem Ausruf "meine Fresse". Mit Bewertungen, wie in Beispiel 5, Zeile 4 ("das is der Einstieg in die Verhan- das is ihre Rechnung, nich?"), verhindert Küppersbusch auf provozierende Art, daß sich Interviewte zu sehr mit ihren eigenen Themen ausbreiten.

Beispiel 5: Interview vom 30. Januar 1994
Kü = F. Küppersbusch, Wu = Monika Wulf-Mathies

1

Ma:

Na, die können nicht noch Geld mitbringen, wenn sie zum Arbeiten kommen, denn 'ne Null-

2

 

runde würde ja bedeuten, sie sollen fünf Prozent mindestens weniger am Ende in der Tasche

3

 

haben und das-

4

Kü:

Das ist der Einstieg in die Verhan- das is ihre Rechnung, nich?

5

Wu:

Die ist auch ziemlich korrekt.

6

Kü:

Ööööh

7

Ma:

Die wird nicht mal von Kommentatoren bestritten, die sonst gerne unsere Argumente bestrei-

8

 

ten.

Küppersbusch macht durch die Äußerung in Zeile 4 für den Zuschauer transparent, daß hier eine einseitige Betrachtung formuliert wird. Mit der langgezogenen Interjektion "öh" zeigt er der Interviewten und den Zuschauern an, daß er die Richtigkeit ihrer Einschätzung nach wie vor bezweifelt. Infolgedessen führt die Interviewte neue Argumente für die Richtigkeit ihrer Behauptung an.

Eine implizite Bewertung der Anwort durch den Moderator liegt vor, wenn dieser den Interviewten unterbricht. Er signalisiert dadurch, daß aus seiner Sicht mit der Beantwortung etwas nicht stimmt. Die Intervention hat den Zweck, den Befragten hinsichtlich der Beantwortungserwartung des Interviewers zu steuern. Interventionen in diesem Sinne sind aber nur sinnvoll, wenn sie auch für die Zuschauer nachvollziehbar sind. Fehlen den Zuschauern dafür die Wissensvoraussetzungen, so entsteht für sie ein Verstehensproblem. Die Intervention von Küppersbusch im folgenden Beispiel setzt ein so hohes Maß an Hintergrundwissen voraus, daß ihr Sinn den meisten Zuschauern verschlossen bleiben dürfte.

Beispiel 6: Interview vom 28. November 1993
Kü = F. Küppersbusch, Bo = J. Borchert

1

Kü:

Und da sind Sie nicht diskreditiert für Verhandlungen über den Tierschutz?

2

Bo:

Das glaub' ich nich, ich denke Jagd muß sein, Jagd erfüllt eine wichtige Aufgabe und viel-

3

 

fach kommt ja der Vorwurf Jäger jagen zu wenig. Wir hamm einen zu hohen Wildbestand

4

Kü:

hmh

5

Bo:

Deswegen diskreditiert das eigentlich nich

6

Kü:

hmh und angesägter Hochsitz ... sind Sie auch noch nich runtergefallen?

7

Bo:

Äh, bisher noch nicht - ich finde diese Form der Auseinandersetzung übrigens schlecht.

8

Kü:

Ja gut wenn ich da drauf säße und der kracht fände ich die auch schlecht

9

Bo:

Nein, nicht nur deswegen, ich finde da man kann über Jagd streiten,

10

Kü:

mmh

11

Bo:

da kann man auch intensiv drüber streiten, man muß das nicht machen, indem man Hochsitze

12

 

ansägt, Jäger gefährdet.

Dem in Zeile 7 vorgebrachten Einwurf von Küppersbusch fehlt die kommunikative Vorbereitung, die die Zuschauer verständnissichernd auf den neuen Aspekt des Themas einstimmt. Ohne Hintergrundwissen zu den damaligen Vorfällen in Nordrhein-Westfalen ist nicht zu verstehen, daß sich die Bemerkung in Zeile 6 auf Aktionen militanter Tierschützer bezieht. Mit seiner lapidaren Behauptung in Zeile 8 ("wenn ich da drauf säße...") signalisiert Küppersbusch, daß er den Ansatz des verantwortlichen Bundesministers, die gestellte Frage zu beantworten, für nicht ausreichend hält. Persönliche Betroffenheit ("finde ich schlecht") ist kein ausreichendes Gegenargument in einer politischen Diskussion. So zwingt er Borchert, sich weitergehend zum Thema zu äußern. Die Bewertung übernimmt hier also die Funktion einer Aufforderung zur erneuten Stellungnahme. Entsprechend kommt Borchert der "Aufforderung" auch prompt nach.

Schlußbemerkung

Die Analyse der Interviews zeigt, daß Küppersbusch - gemessen an den für Interviews geltenden Prinzipien - die Aufgaben des Interviewers verändert hat. Indem er für das Publikum die Antworten und strategischen Züge des Interviewten bewertet, einordnet und kommentiert, hat er seine Rolle als Interviewer erweitert. Mit dieser Veränderung seiner Rollendefinition müssen die für das Interview geltenden journalistischen Prinzipien modifiziert werden, beispielsweise hinsichtlich der Neutralitätsverpflichtung. An den Bewertungen scheiden sich auch die Meinungen bei der Bewertung der Sendung. Nicht jeder ist mit den Küppersbusch'schen Prinzipien der Interviewführung einverstanden.

Mit der Übernahme der Bewertungen in die Kommunikationsform Interview hat sich Küppersbusch allerdings auch ein Problem eingehandelt. Nur selten lassen sich die Bewertungen in Form einer Frage(handlung) äußern. Das standardisierte Schema Frage-Antwort wird also durch die Bewertungen teilweise aufgebrochen. Das Interview mit Lafontaine ist ein deutliches Beispiel dafür, daß Antwortbewertungen das Interview konfrontativer machen - aber nicht zwingend verhindern, daß die Ausweichstrategien der Politiker aufgehen.

Die Analyse der Interviews zeigt außerdem, daß die eingangs gestellte Frage nach der Produktivität der Provokationen nicht nur im Hinblick auf den Informationswert, sondern auch und gerade hinsichtlich des Unterhaltungswerts beantwortet werden muß - vorausgesetzt, die Interviewpartner lassen sich darauf ein. Während sich die Unterhaltsamkeit aus den Provokationen und dem spielerischen Umgang mit Regelverstößen generiert, löst Küppersbusch mit Hilfe der eigenen Fragestrategien und Provokationen die Forderung an Interviewer ein, zu informieren und Neues über die Gesprächspartner zu vermitteln. Seine Fragestrategie vom Persönlichen zum Politischen nimmt die Medienentwicklung zu stärkerer Personalisierung der öffentlichen Kommunikation auf, ohne die politischen Aspekte und damit ein eigenes Informationsprofil aufzugeben.

Manche seiner Neuerungen sind jedoch nicht unproblematisch: an fehlenden Fragevorbereitungen, versteckten Anspielungen und komplexen Provokationen deutet sich an, daß die Interviews (und das dürfte in weit stärkerem Maß für die Moderationen Küppersbuschs zutreffen) von den Zuschauern nur verstanden werden können, wenn sie über einen hohen Wissensstand bezüglich der aktuellen politischen Ereignisse verfügen.

Wer also unverständlich formuliert, Irrelevantes und Unwahres sagt, oder nicht informativ ist, gefährdet den Erfolg den Kommunikation. Daß diese Prinzipien wirksam sind, zeigt sich besonders deutlich, wenn offen gegen sie verstoßen wird, wie das in der Ironie oder in witzigen Übertreibungen der Fall ist. Auch in den "ZAK"-Interviews wird mit diesen Maximen spielerisch umgegangen - wohlwissend, daß alle Beteiligten wissen, daß sie eigentlich ernst genommen werden müssen. Betrachtet man die "ZAK"-Interviews im Hinblick auf die Grice'schen Kommunikationsmaximen, so zeigen sich eine ganze Reihe von Verstößen, aus denen einerseits die Spannung, andererseits auch ein großer Teil der Probleme dieser speziellen Interviewform erwächst. Das am Beispiel des Interviews mit Markwort erläuterte Prinzip, die wahre Frageintention zunächst zu verheimlichen, scheint oberflächlich betrachtet eine Verletzung des Prinzips der Informativität gegenüber dem Interviewten zu sein. Küppersbusch schafft sich für seine Interviews eine heimliche Maxime (20) die etwa lauten könnte: Stelle sicher, daß der Gesprächspartner nicht weiß, worauf die Frage hinausläuft, um die Interviewten zu verunsichern. Küppersbusch macht dies jedoch nicht zuletzt aus journalistischem Interesse - er will den aus rhetorischen Leerfloskeln bestehenden Schutzpanzer der Interviewten knacken. Der Verstoß gegen die Informativitätsmaxime gegenüber dem Gesprächspartner ist auf der Ebene der Kommunikation mit dem Zuschauer also gerade ihre Erfüllung.

Daß hier zweierlei Maßstäbe angesetzt werden, ist eine Folge der in Abschnitt 2 erläuterten Problematik der Mehrfachadressierung. Bei der Auslegung der Kommunikationsprinzipien für Fernsehinterviews ist die Spezifizierung notwendig, für wen eine Äußerung beziehungsweise eine Kommunikation informativ, wahrhaftig, relevant und klar sein soll. Küppersbusch setzt seine Prioritäten jedenfalls zugunsten des Publikums.

Natürlich merken die Interviewten bald, daß Küppersbusch systematisch bestimmte Prinzipien verletzt, vielleicht sogar wie sie verletzt werden. Sie werden versuchen, Gegenstrategien zu entwickeln, dem Interviewer beispielsweise nicht mehr glauben, was er sagt beziehungsweise fragt und sicherheitshalber alle Fragevoraussetzungen zurückweisen.

Oder sie versuchen die Strategie des Interviewers zu unterlaufen, indem sie ganz offen um die Frage herumreden, wie Lafontaine. Ein Verhalten wie seines macht ein ernsthaftes Interview unmöglich. Das Ergebnis ist zwar als Einzelfall möglicherweise unterhaltsam - wenngleich weniger informativ -, auf Dauer aber kein interessantes Kommunikationsschema.

Anmerkungen

(1) Vgl. dazu ausführlicher: Bucher, Hans-Jürgen: Sprachwissenschaftliche Methoden der Medienforschung. In: Krank, Wolfgang/Joachim-Felix Leonhard/Werner Ludwig/Erich Straßner (Hg.): Medienwissenschaft. Media: Technology, History, Communication, Aesthetics. Ein internationales Handbuch. Berlin, New York 1998. zurück zum Beitrag

(2) Vgl. Blum-Kulka, Shoshana: The dynamics of political interviews. In: TEXT 3.2, 1983, S. 131-153; Bucher, Hans-Jürgen: Geladene Fragen. Zur Dialogdynamik in politischen Fernsehinterviews. In: Löffler, H./Edda Weigand (Hg.): Dialoganalyse IV. Tübingen 1993; Jucker, Andreas: News interviews: A pragmalinguistic analysis. Amsterdam 1986; Schwitalla, Johannes: Conversational analysis of political interviews. A diachronic survey. In: Ensink, Titus/Arthur van Essen/Toon van der Geest (Hg.): Discourse analysis and public life. Dordrecht 1986; Holly, Werner: Confrontainment. Politik als Schaukampf im Fernsehen. In: Bosshart, Louis (Hg.): Medienlust und Mediennutz. München 1994; Heritage, John: Analyzing News Interviews. Aspects of the Production of Talk for an overhearing audience. In: van Dijk, Teun A. (Hg.): Handbook of Discourse Analysis, Bd. 3. London 1984, S. 95-119; Heritage, John/David Greatbatch: On the Institutional Character of Institutional Talk: The Case of News Interviews. In: Boden, Deirdre (Hg.): Talk and Social Strncture. Cambridge 1991; Schegloff, Emanuel A.: From Interview to Confrontation. Observations on the Bush/Rather Encounter. In: Research on language and social interaction 22, 1988/89, S. 215-240. zurück zum Beitrag

(3) Holly, Werner/Johannes Schwitalla: Explosiv. Der heiße Stuhl. Streitkultur im kommerziellen Fernsehen. In: Müller-Doohm, Stefan/Klaus Neumann-Braun (Hg.): Kulturinszeniernngen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1995, S. 59-88. zurück zum Beitrag

(4) Lottmann, Joachim: Verbotene Liebe: Die Linke Georgia Tornow und der Rechte Ulrich Meyer ein Traumpaar der Mediengesellschaft. In: Die Zeit vom 26. März 1998, S. 72. zurück zum Beitrag

(5) Holly/Schwitalla (wie Anmerkung 3). zurück zum Beitrag

(6) Das Magazin startete Anfang 1988 auf West 3, wurde 1993 im Wechsel mit einer anderen Sendung im ARD-Programm ausgestrahlt und ist seit Anfang 1994 bis zu seiner Einstellung am 30. Juni 1996 wöchentlich gesendet worden. Das Nachfolgeformat "Privatfernsehen" wurde am 16. Dezember 1997 eingestellt. Zu den Anfängen der Sendung: Birnbreier, Kurt/Dirk Ziegert: Das Fernsehmagazin "ZAK" (West 3). Siegen: Universität Siegen, 1991. (Arbeitshefte Bildschirmmedien ; 25). zurück zum Beitrag

(7) Bis 1990 moderierte Desirée Bethge die Sendung. Küppersbusch moderierte nach der Einstellung von ZAK die Sendung "Privatfernsehen". zurück zum Beitrag

(8) Foraci, Franco: ClipFormat. In: taz vom 9. September 1994, S. 18. zurück zum Beitrag

(9) Holly/Schwitalla (Anmerkung 3) sowie Holly, Werner: Zur Inszenierung von Konfrontation in politischen Fernsehinterviews. In: Grewenig, Adi (Hg.): Inszenierte Information. Opladen 1993, S. 164-197. zurück zum Beitrag

(10) Bucher, Hans-Jürgen: Dialoganalyse und Medienkommunikation. In: Fritz/Hundsnurscher a.a.O., Bucher, Hans-Jürgen: Sprachwissenschaftliche Methoden der Medienforschung. In: Krank, Wolfgang et al., a.a.O., sowie Bucher, Hans-Jürgen: Nachbarwissenschaften der Medienwissenschaft: Linguistik. In: Krank, Wolfgang et. al. a.a.O. zurück zum Beitrag

(11) Für eine ausführliche Ubersichtsdarstellung der linguistischen Kommunikationsanalyse siehe Gloning, Thomas: Praktische Semantik und Linguistische Kommunikationsanalyse. In: Fritz/Hundsnurscher a.a.O., S. 113-130. zurück zum Beitrag

(12) Sacks, Harvey/Emanuel A. Schegloff/Gail Jefferson: A Simplest Systematics for the Organization of Turn-Taking. In: Language 50, 1974, S. 696-735 sowie Schegloff, Emanuel A.: Opening up Closings. In: Semiotica VIII, 1973, S. 289-327. zurück zum Beitrag

(13) Heritage 1985 (a.a.O.); Greatbatch, David: A Turn-Taking-System for British News Interviews. In: Language in Society 17, 1988, S. 401-430; Clayman, Steven E.: Displaying Neutrality in Television News Interviews. In: Social Problems 35, 1987, S. 474-492; Schegloff 1989 (a.a.O.); Heritage/Greatbatch 1991 (a.a.O.). zurück zum Beitrag

(14) Für eine vollständige Darstellung vgl. zum Beispiel Holly 1994, S. 5, sowie die anderen in Anmerkung 2 aufgeführten Autoren. zurück zum Beitrag

(15) Bucher, Hans-Jürgen: Frage-Antwort-Dialoge. In: Fritz, Gerd/Franz Hundsnurscher (Hg.): Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen 1994, S. 242. zurück zum Beitrag

(16) ausführlicher dazu: Bucher, Hans-Jürgen: Dialoganalyse und Medienkommunikation. In: Fritz/Hundsnurscher a.a.O., S. 483-488. zurück zum Beitrag

(17) vgl. dazu Bucher 1993 (Anmerkung 2). zurück zum Beitrag

(18) Die Transkripte wurden zur besseren Lesbarkeit vereinfacht. zurück zum Beitrag

(19) Grice, H. Paul: Logic and Conversation. In: Cole, Peter (Hg.): Speech Acts. New York 1975, S. 41-58. zurück zum Beitrag

(20) Heringer, Hans Jürgen: "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort" : Politik, Sprache, Moral. München : Beck, 1990, S. 120. zurück zum Beitrag

Quelle

Dieser Beitrag erschien in Klingler, Walter; Roters, Gunnar; Zöllner, Oliver (Hg.). Fernsehforschung in Deutschland: Themen, Akteure, Methoden. (333-346). Baden-Baden: Nomos (1998).

Über den Autor Christof Barth

Christof Barth ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Trier. In seiner Arbeit beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Medienrezeption, Hörfunk, qualitativen Forschungsmethoden, Onlinemedien und Usability-Forschung.

Biographische Informationen und eine Publikationsliste finden Sie unter Forschungsprofile.